"Fußballwahn ist eine Krankheit"

"Fußballwahn ist eine Krankheit"

BIRGEL. Fußball-WM und Lyrik: Dieses ungewöhnliche Paar hat Rezitator Karl Kochs mit Gedichten des Lyrikers Joachim Ringelnatz zusammengebracht. Zwei Dutzend Gäste begeisterte er im heimischen Garten in der Veranstaltungsreihe der "Haus- und Hofkultur an der Oberen Kyll".

Über die Fernsehbildschirme flimmern die Bilder der WM-Partie Trinidad-Tobago gegen Schweden. In Kochs parkähnlichem Garten flirren die Sonnenstrahlen durchs Geäst der Linden und Trauerweiden mit Bienen und Singvögeln um die Wette. Der Gartenteich samt Pflasterrund wird zur Arena. Grüner Wasserlinsen-Teppich statt Rasen. Stuhlreihen im Halbkreis für die Besucher. Ein gut aufgelegter Rezitator. "Der Fußballwahn ist eine Krankheit, aber selten Gott sei Dank", schrieb Ringelnatz alias Hans Bötticher um 1920. "Die Frage nach dem Autor zu diesem Zitat war bei Jauchs WM-Promi-Special zu Wer wird Millionär die eine-Million-Euro-Frage", berichtet der 70-jährige Kochs. Die Besucher der Haus- und Hofkultur-Veranstaltung wüssten jetzt - ohne Joker - die Antwort. Und noch viel mehr. Ringelnatz ließ in seinen Werken Krautköpfe, Melonen und Schwämme zu Schussgeschossen werden. Mimik und Gestik passen perfekt

In unnachahmlicher Manier rezitiert Kochs: "Bald trieb er eine Schweineblase, bald steife Hüte durch die Straße. Dann wieder mit geübtem Schwung stieß er den Fuß in Pferdedung." Die Schauspielausbildung des ehemaligen Besitzers einer PR-Agentur macht sich deutlich bei den Vorträgen bemerkbar. Mimik und Gestik passen perfekt. Bei Ringelnatz´ "Freiübungen" zeigt er mit einer Rumpfbeuge das, was (Fußball-) Männer am meisten ziert: "Das ist von beiden Teilen der begehrteste, von dem man sagt: Das ist der Allerwerteste." Von den legendären "Turngedichten" fehlen bei Kochs Darbietungen weder der "Turnermarsch" noch der "Klimmzug" oder der "Kniehang". Jede Pointe sitzt. Es ist kein Lattenschuss dabei. Resultat 12:0. Dagegen sehen die WM-Kicker mit 0:0 echt schwach aus. Und mit Stadionatmosphäre kann es der Lyrik-Abend im Gartenidyll einer lauen Sommernacht allemal aufnehmen, meinen die Besucher. Carla Grüneklee resümiert: "Es war total schön in diesem Ambiente, fast ein Theaterstück." Auch Helena Urlaub lobt die Leistungen des Rezitators: "Es war eine lockere, freche Darstellung. So wie er das macht, ist die Intensität leicht geworden." Günter Klinkhammer, zum ersten Mal bei einer Haus- und Hofkulturveranstaltung, meint: "In der Schule war Lyrik für mich ein Gräuel. Hier ist sie auf herrliche Art lebendig geworden." Birgels Ortsbürgermeister verspricht: "Das war bestimmt nicht mein letzter Besuch bei der Haus- und Hofkultur an der Oberen Kyll." Schon seit zweieinhalb Jahren öffnen Kulturanhänger ihre privaten Domizile für Veranstaltungen. Jeden zweiten Samstag im Monat. Der nächste Abend findet am 8. Juli um 19 Uhr bei Gudrun Müller in Esch zum Thema Kreistänze statt. Am 12. August geht es dann über die VG-, Kreis- und Landesgrenzen hinaus ins benachbarte Alendorf zu Professor Karl-Heinz Urlaub. Infos zur Haus- und Hofkultur bei Ulrike Erb-May, Telefon 06597/5535.

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