Gansens Buddick, ein standhaftes Haus

Gansens Buddick, ein standhaftes Haus

In Bitburg ist es bekannt als "das Rote Haus". 1887 erbaut, hat Haus Nummer 11 in der Hauptstraße im Krieg ungewöhnliche Standfestigkeit bewiesen. Seine denkmalgeschützte Fassade wurde Stein für Stein restauriert. Heute verbindet es modernen Standard mit historischer Schönheit.

Bitburg. Als nahezu einziges Gebäude in der Bitburger Hauptstraße überstand das Rote Haus die Luftangriffe vom Dezember 1944. Ein Foto des Gebäudes inmitten der Trümmerlandschaft nahm Bertolt Brecht in seine Sammlung von Bildgedichten unter dem Titel "Kriegsfibel" auf. Es war nichts als Glück, dass das Haus den Krieg überdauerte. Hans-Joachim Kurth, der Besitzer, erinnert sich: Sein Vater habe ihm als Kind von einer Bombe erzählt, die 1944 durch das Dach bis in den Keller schlug. Ein Blindgänger.
Bitburger Bauschätze



Die historische Fassade ist bis heute erhalten. Das Haus dahinter legte letztlich 1999 der Abrissbagger nieder. Hans-Joachim Kurth sah keinen anderen Ausweg, weil sich kein Mieter mehr für die "Bruchbude" fand.
Der Denkmalschutz lobt das Ergebnis, vor allem weil die Fassade komplett erhalten blieb. Eine Meisterleistung des Steinmetzes aus Trierweiler: Er baute die Fassade Stein um Stein ab und setzte sie später wieder als Verblendung vor den Neubau. Bei der Sanierung ließ Kurth zudem Bausünden aus den 60er Jahren zurückbauen. "Das Erdgeschoss hat jetzt mehr Qualität als damals", lobt Denkmalpfleger Detlef Kleintitschen die Befreiung von der großen Schaufensterfront mit Aluvordach.
Über andere Verschönerungsmaßnahmen sind Eigentümer und Denkmalschutz geteilter Meinung: Der Steinmetz machte seine Arbeit so gründlich, dass er die Kriegsschäden zum großen Teil beseitigte. Der Denkmalpfleger sieht es als "Verlust an Authentizität".
Hans-Joachim Kurth besitzt noch die originale Entwurfszeichnung des Gebäudes von 1887. Auftraggeber für den Bau des Wohnhauses war Christoph Gansen. Die Bitburger nannten ihn den "Geld-Gansen", sein Haus "Gansens-Buddick", weil es dort von der Strickseide bis zum Maurerhammer alles zu kaufen gab, erzählt Stadtarchivar Dr. Peter Neu. Die Geschäfte liefen gut. Eine private Zeitungs-Annonce, in der Gansen 1852 seine Dienste als Geldverleiher anbietet, weist ihn als reichen Mann aus.
Der Geschäftsmann und Kreditgeber war auch einer der Väter der Bitburger Volksbank, die 1863 gegründet wurde.
Berühmte Bewohnerin


Als Gansen 1918 starb, lebte seine ledige Tochter Anna-Maria weiter in dem Haus. Sie war Bitburgs erste Stadträtin und machte sich als Wohltäterin einen Namen. Heute ist eine Straße nach ihr benannt. 1944 floh sie aus der zerstörten Stadt zu Verwandten ins Saargebiet, erkrankte und verhungerte 1945 in einem Euthanasiekrankenhaus in Ansbach.
Ihr Haus hatte sie schon in den 30er Jahren an Anton Kurth verkauft, den Großvater des heutigen Hauseigentümers. Anton Kurth nutzte es als Wohnsitz und brachte im Erdgeschoss seinen Elektrobetrieb unter. Später fiel es an seinen Sohn Hans, seit 1990 gehört es dem Enkel, Hans-Joachim Kurth.
Auch wegen der Familientradition hängt Hans-Joachim Kurth an dem Haus. Und wegen seiner Erinnerungen. Er selbst verbrachte die ersten beiden Lebensjahre dort. 1954 zog die Familie um. Ein Porzellangeschäft kam ins Erdgeschoss, später ein Sportgeschäft.
Ab 1997 standen die vier Etagen leer. Seit der Modernisierung ist wieder Leben in das Rote Haus eingezogen. Heute kaufen Kunden hier Bekleidung, darüber wohnen sechs Mietparteien. "Das Haus ist mein Herzstückchen", schwärmt Kurth. Es zu erhalten sieht er als Bürgerpflicht, mit dem Ziel, die Innenstadt aufzuwerten.
Selbst ohne die vom Denkmalschutz vermissten Kriegswunden besitzt die Fassade noch ihren eigenen Charakter. Was für Schulen, Bahnhöfe und Kirchen typisch ist, ist für ein Privathaus eher ungewöhnlich: die steinsichtige, also unverputzte Fassade. Sie besticht durch die Fenstereinfassungen und durchlaufende Sohlbankgesimse, die auf zwei Etagen jeweils drei Fensterbänke miteinander verbinden. Als besondere Zierde fällt der Würfelfries des Traufgesimses ins Auge.
Um ein harmonisches Bild zu schaffen, wurde bei der Sanierung im Erdgeschoss die optische Last der schweren roten Sandsteinfassade auf massive Beine gestellt. Vier Säulen und ein horizontaler Balken, der sie am oberen Ende miteinander verbindet, tragen den Überbau. Die Schaufenster sind zurückversetzt.
Kleintitschen: "Dieses Projekt zeigt, dass sich die Wünsche des Bauherrn nach einer optimalen Grundstücksausnutzung und moderner Bausubstanz und die Belange des Denkmalschutzes sehr gut vereinen lassen. In diesem Fall ließ sich sogar durch die Neugestaltung einer klassischen Erdgeschosszone eine wesentliche Verbesserung gegenüber dem Bestand erreichen."

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