"Ganz Prüm war wie tote Erde"

"Ganz Prüm war wie tote Erde"

Mit einer Licht- und Toninstallation im Explosionskrater auf dem Prümer Kalvarienberg hat eine Gruppe von Künstlern für Aufsehen gesorgt - im Anschluss an die Vernissage des Westwall-Symposiums (der TV berichtete). Die Besucher waren beeindruckt von der besonderen Atmosphäre.

Prüm. Es ist stockdunkel. Rund um das Mahnmal auf dem Kalvarienberg stehen die Prümer und sind gespannt. Der Projektor wirft sein rundes Licht in die Tiefe der Landschaft. Mit zunehmender Dunkelheit wird der Projektionskörper aus Krater und Vegetation immer deutlicher. Es ist still, niemand redet und die Dunkelheit siegt über das Tageslicht. Dann ertönen die Stimmen Prümer Zeitzeugen. Glasklar, laut und deutlich kommen die Töne aus verschiedenen Richtungen. Zusammen mit der Lichtprojektion entsteht eine riesige Raumtiefe. Die ausgesuchte Örtlichkeit, hier und sonst nirgendwo hat sich die Explosion abgespielt, und die Stimmen der Zeitzeugen, sie waren damals Kinder, ergeben eine authentische Gemengelage, die vielen Besuchern wie ein Schauer über den Rücken läuft.
Augenzeugen berichten


Maria Tarnow, damals zwölf Jahre jung, heute 74 Jahre alt, sitzt mit der ein Jahr älteren Agnes Clemens am Kraterrand und verfolgt das Geschehen. "Das bewegt mich sehr. Die Erinnerung an damals und das Hören meiner eigenen Stimme hier am Ort des Geschehens und in der Dunkelheit. Ich bin seltsam berührt", gesteht Maria Tarnow.
Mehr als eine halbe Stunde erzählen die Zeitzeugen ihre Erlebnisse. Der Bleialfer Künstler Werner Bitzigeio hatte die Stimmen gesammelt. Der Komponist und Tonmeister Michael Peschko arrangierte die Interviews so, dass die Emotionalität der Sprecher, die ihre Geschichte als Kind erlebt haben, diese als alter Mensch wieder nachempfinden lassen. "Diese Diskrepanz zwischen jungem Erleben und dem Erzählen aus der Erinnerung des alten Menschen ist äußerst interessant. Hier entstanden die kreativen Ansatzpunkte, aus denen die Interviews zu einem künstlerischen Gesamtwerk arrangiert wurden", erklärte Bitzigeio.
Aufwendige Technik


Die Künstler Gottfried Schumacher und Katharina Veldhues hatten gemeinsam mit Michael Peschko und Werner Bitzigeio die Zeitspanne vor Einbrechen der Dunkelheit genutzt, um die aufwändige Technik für die nächtliche Inszenierung zu installieren. Ein Studiomischpult mit sieben in der Tiefe des Raumes verbauten Lautsprechern und ein überdimensionaler Diaprojektor warteten auf ihren Einsatz, als mit zunehmender Dunkelheit immer mehr Prümer auf den Kalvarienberg kamen. Jener Berg oberhalb der Stadt, der 1949 Ort eines schrecklichen Ereignisses war (siehe Hintergrund).
Am 15. Juli 1949 explodierte ein Munitionslager nordwestlich von Prüm. In einem Bunker der Wehrmacht hatte die französische Besatzungsarmee 500 Tonnen Munition gelagert, die zur Sprengung der Westwallbefestigungen vorgesehen war. Am Unglückstag brannte der Bunker und die Feuerwehr konnte ihn in den Stollen des Kalvarienberges nicht löschen. Gegen 20.22 Uhr explodierte der Sprengstoff und schleuderte rund 250 000 Kubikmeter Erde, Steine und Trümmer in die Luft. Dadurch wurden große Teile von Prüm zerstört. Zwölf Menschen wurden getötet, 15 verletzt. 965 Prümer wurden obdachlos, die Wasserversorgung brach zusammen, das Krankenhaus, die Schule und die Post und viele Wohnhäuser lagen in Trümmern. Der Explosionskrater war 190 mal 90 Meter breit und 20 Meter tief. Die Explosion war ein Rückschlag für Prüm, dessen Bewohner nach Kriegsende gerade mit dem Aufbau ihrer Stadt begonnen hatten. rh

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