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Gedenken Holocaust: Henri Juda und die Opfer in Bitburg, Wittlich, Trier

Judenverfolgung : Holocaust-Gedenktag: Warum wir nie vergessen dürfen

Vor 77 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Allein dort sind von den Nationalsozialisten rund eine Millionen Juden ermordet worden. Wir haben mit sechs engagierten Menschen gesprochen, die Erinnerungen an die Opfer wachhalten. Warum Gedenkarbeit gerade lokal so wichtig ist.

Eine der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden, die den Nationalsozialisten zum Opfer fielen, ist die Eifelerin Clara Juda. Ihr Enkelsohn Henri Juda engagiert sich seit mehreren Jahren in Luxemburg und Deutschland dafür, dass die Erinnerung an seine Großmutter und all die anderen Opfer wachgehalten wird. Dafür hat der heutige Luxemburger vor kurzem den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland bekommen.

Eine der Städte, deren Gedenkarbeit Henri Juda geprägt hat, ist Bitburg. Dort wurde 1910 nämlich sein Vater Karl Juda geboren. Ihm gelang es, anders als Clara Juda, den Nationalsozialisten durch Flucht und Verstecken zu entkommen. Nach dem Krieg kehrte Karl Juda nach Bitburg zurück und eröffnete das Bekleidungshaus Juda. Dieses gibt es heute nicht mehr, in dem Gebäude ist allerdings eine Ausstellung über die Geschichte der Juden in Bitburg eingerichtet worden.

Henri Judas Engagement

Warum engagiert sich Henri Juda in der Gedenkarbeit? „Meine Rolle ist, das zu geben, was ich geben kann. Jetzt ist meine Geschichte so verlaufen, dass ich etwas zu erzählen habe, da sehe ich es als meine Aufgabe an, das auch zu erzählen.“ Vor allem junge Menschen bräuchten Beziehungspunkte, um die Geschichte zu verorten, damit diese greifbarer werde. „Ohne Zweifel hinterlässt es mehr Eindruck, vor allem bei der jüngeren Generation, wenn es persönliche und auch örtliche Bezüge gibt.“

Dabei ist es wichtig, dass Gedenken und Erinnerung auf allen Ebenen stattfindet. „Es nützt wenig, wenn es nur auf nationaler Ebene gemacht wird, und es nützt nichts, wenn es nur auf lokaler Ebene gemacht wird. Das muss durchgehend laufen“, erklärt Henri Juda. Es gehe um Verhaltensweisen, um moralische Werte, die auf allen Stufen der Gesellschaft immer wieder diskutiert gehören.

Immer wieder sind auch aktuell antisemitische Zwischenfälle in den Medien. Glaubt Henri Juda, dass dieser Antisemitismus wieder neu erstarkt oder es alte Denkmuster sind, die weiterleben? „Eher letzteres. Es ist in den Köpfen, so etwas bringt man in einer Generation nicht heraus und auch nicht in vier, vielleicht in der fünften.“ Allerdings werde der Antisemitismus dann wahrscheinlich durch andere Ausgrenzungsmuster ersetzt – denn die Neigung der Menschen, andere auszugrenzen, bekomme man möglicherweise nie ganz weg. Gerade deshalb sei es auch so wichtig, an den Holocaust zu erinnern. „Das ist nicht nur Sache der Juden, sondern aller. Und es ist immer wieder auch eine Sache der jungen Menschen.“

Arbeitskreis Aufarbeitung der Zeitgeschichte und Gedenken Bitburg  

In Bitburg hat Henri Juda den Arbeitskreis Aufarbeitung der Zeitgeschichte und Gedenken mitgegründet. Dieser hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die Geschichte der Juden in Bitburg und der Umgebung während der Zeit des Dritten Reichs zu dokumentieren. Denjenigen, die im Holocaust ermordet wurden, ist mit dem 2020 enthüllten Denk- und Mahnmal „Der Riss“ ein Zeichen gesetzt worden.

Für Sprecher Thomas Barkhausen ist es sehr wichtig, die Schicksale der Juden in Bitburg zu erforschen, sie weiterzugeben und ihnen ein Denkmal zu setzen. „Das ist nicht irgendwo, irgendwie, irgendwann passiert. Die Nazis sind nicht eingeflogen, das waren unsere Väter und Großväter, das waren unsere Mitbürger, die nebenan gewohnt und vielleicht im Fußballverein gespielt haben“, sagt er.

Durch Einzelschicksale werde viel greifbarer, was damals geschehen sei. „Die Nähe der Personen ist, denke ich, unheimlich wichtig. Wenn das vor Ort war, ist das glaube ich viel intensiver als der allgemeine Überblick. Obwohl der natürlich auch nicht fehlen darf!“

Deutsch-Luxemburgischer Arbeitskreis Grenzenlos Gedenken

Auch den deutsch-luxemburgischen Arbeitskreis Grenzenlos Gedenken hat Henri Juda ins Leben gerufen. Dessen Arbeit dreht sich vor allem um den ersten großen Deportationszug mit jüdischen Menschen, der im Oktober 1941 von Luxemburg über Trier nach Litzmannstadt in Polen geführt hat. „Über diesen Zug ist noch nicht alles erforscht. Wir nehmen diesen Deportationszug zum Anlass, um mit unserer Arbeit tausende Schüler zu erreichen. Wir wollen einen Beitrag zum kollektiven Gedächtnis leisten“, erklärt Mitglied Ralf Kotschka.

So wurde beispielsweise eine Broschüre zu dem Deportationszug entwickelt, die in den Schulen in den betroffenen Orten in Luxemburg und Deutschland verteilt wurde. Auch dezentrale Veranstaltungen vor Ort gehören zur Gedenkarbeit dazu. Im nächsten Jahr soll eine interaktive Internetseite mit einer biographischen Datenbank der Deportierten entwickelt werden. Diese sollen unter anderem Schülerinnen und Schüler mit den Ergebnissen eigener Nachforschungen füllen.

Die grenzübergreifende Arbeit ist Ralf Kotschka sehr wichtig. „Die Opfer des Nationalsozialismus kommen ja nicht nur aus einer Region oder aus einem Land, sondern auch aus anderen Ländern als Deutschland. Uns geht es darum, mit unseren unmittelbaren Nachbarn neue Formate der Gedenkarbeit zu entwickeln“, sagt er. Denn Erinnerungsarbeit ist auch heute noch von großer Bedeutung: „Ich sage immer, man lernt so wenig aus der Zukunft, eigentlich nichts. Wir haben als Gesellschaft nur eine Möglichkeit zu lernen, aus uns selbst und unserer Vergangenheit.“

 Arbeitskreis Jüdische Gemeinde Wittlich

Während die beiden genannten Arbeitskreise noch verhältnismäßig jung sind, gibt es den Arbeitskreis Jüdische Gemeinde Wittlich bereits seit 1988. „Am Anfang war die intensivste Zeit, die ersten drei bis vier Jahre“, berichtet Marianne Bühler. „Wir hatten in unserer Anfangszeit auch schon eine ganze Menge Widerstand in der Stadt.“ Das habe sich aber mittlerweile ins Gegenteil verändert. Natürlich sei auch die Vermittlung anders, dadurch dass es immer weniger Zeitzeugen gebe und der zeitliche Abstand immer größer wird.

Trotzdem wird die Gedenkarbeit nicht weniger wichtig. „Die Zeit des Nationalsozialismus muss im Gedächtnis der Stadt bleiben. Mir ist in meiner gesamten Arbeit sehr wichtig, zu vermitteln, dass hier in Wittlich Leute gelebt haben, die völlig vertrieben wurden“, sagt Bühler. Das sei auch ein Mahnmal für den Umgang mit anderen Minderheiten.

Vor Ort an die Schicksale der vertriebenen und ermordeten Menschen zu erinnern, ist wichtig. „Wenn man das Haus sieht oder den Namen zu hören bekommt, dann ist das etwas ganz anderes. Man muss vor Ort festmachen, was geschehen ist. Denn es ist überall passiert, in jedem Ort.“ Aktuell arbeitet der Arbeitskreis daran, die Ausstellung in der alten Synagoge in Wittlich zu erneuern.

Emil-Frank-Institut

Partner dabei ist neben dem Kulturamt der Stadt Wittlich das Emil-Frank-Institut. Dieses beschäftigt sich mit dem jüdischen Leben in der Region Eifel-Mosel-Hunsrück. Dabei gehe es zum einen um die Verständigung zwischen den Religionen, zum anderen um die Forschung vor Ort, erklärt René Richtscheid, Geschäftsführer des Instituts. Dazu gehören Veranstaltungen und pädagogische Projekte, Forschungen und Veröffentlichungen, aber auch ein Archiv und eine umfangreiche Bibliothek, die an die Stadtbibliothek Wittlich angeschlossen ist.

Die Forschung und Gedenkarbeit vor Ort ist laut René Richtscheid zum einen wichtig, um die jüdische Lebensrealität richtig widerzuspiegeln. Denn schließlich haben die Menschen damals nicht hauptsächlich in Großstädten gelebt, sondern in kleineren Städten und Gemeinden. Zum anderen: „Wir müssen ja feststellen, die Zeit geht immer weiter. Wir sind mittlerweile in der vierten Generation nach dem Nationalsozialismus. Wir müssen die räumliche Nähe schaffen, wenn die zeitliche immer weiter weg rückt“, sagt René Richtscheid.

Forum Eine Welt Gerolstein

In Gerolstein engagiert sich das Forum Eine Welt in der Gedenkarbeit. Das ist eine der beiden Säulen des Vereins, der sich seit 2003 außerdem für die Begegnung zwischen Kulturen engagiert.

Im Bereich Gedenk- und Erinnerungsarbeit gab es in den letzten Jahren viele Vorträge, Exkursionen und Ausstellungen rund um das Gedenken an den Holocaust und das Schicksal der Gerolsteiner Juden. Außerdem wurde, in Zusammenarbeit mit der Stadt Gerolstein und dem Stadtchronisten Karl-Heinz Böffgen, das Buch „Gegen das Vergessen. Das Schicksal der Gerolsteiner Juden“ herausgegeben. Zudem erreichte das Forum Eine Welt in Abstimmung mit Angehörigen, Stadt und Anwohnern, dass in Gerolstein insgesamt 13 Stolpersteine zum Gedenken an Menschen verlegt wurden, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind.

Für Vorstand Christa Karoli, die früher als Lehrerin gearbeitet hat, ist es wichtig, dass die persönlichen Schicksale der Gerolsteiner Juden nicht in Vergessenheit geraten. „Ich denke immer, damit kann man besser vermitteln, was geschehen ist. Ich denke, das ist ein Unterschied, ob nur die Zahl von sechs Millionen ermordeten Juden im Raum steht oder man das auf Personen bezieht!“

Die Gedenkarbeit des Forums Eine Welt ruht nicht. Christa Karoli bekräftigt: „Es ist gerade in der heutigen Zeit, wo es viel Antisemitismus und Rassismus gibt, wichtig, dass wir daran erinnern, damit es nie wieder passiert! Auch, dass es nicht weit weg passiert ist, sondern hier, in Gerolstein.“