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Geißler warnt vor amerikanischen Verhältnissen

Geißler warnt vor amerikanischen Verhältnissen

PRÜM. "Was würde Jesus heute sagen?" lautet der Titel des aktuellen Buchs von Heiner Geißler, das inzwischen in 13. Auflage die Bestsellerlisten stürmt. Beim Eifel-Literatur-Festival sprach der CDU-Politiker am Freitag in Prüm fast 90 Minuten über sein Werk.

Premiere beim Eifel-Literatur-Festival: Erstmals las ein Autor nicht aus seinem Buch, sondern erklärte es. Heiner Geißler, CDU-Politiker, Sozialreformer, Schriftsteller, Ex-Jesuit und streitbarer Geist gelang es in rund 90-minütiger freier Rede, mehr als 500 Menschen in der ausverkauften Prümer Karolingerhalle in den Bann zu ziehen. Dabei traf der Bannstrahl Geißlers nicht nur Politiker jedweder Couleur - auch der katholischen Kirche las der 74-Jährige gehörig die Leviten. Gleich zu Beginn machte Geißler seinen schwitzenden Zuhörern klar, dass er keineswegs ein frommes Buch geschrieben habe. Es sei auch kein theologisches Werk. Er habe sich darin lediglich mit Jesus beschäftigt, "weil der mich schon immer interessiert und fasziniert hat", denn: "Eigentlich wollte ich Priester werden", erklärte Heiner Geißler, der bei den Jesuiten sogar das Ewige Gelübde abgelegt und damit Armut, Keuschheit und Gehorsam geschworen habe. Mit 23 Jahren sei ihm dann allerdings klar geworden, dass er zwei dieser Vorgaben nicht habe einhalten können. Geißler: "Die Armut war es nicht." Eine klare Absage erteilte Geißler dem Zölibat. Jesus sei ein Freund der Frauen gewesen, und im Evangelium komme die Ehelosigkeit der Priester auch nicht vor. Geißler bezeichnete den Zölibat als eine Irrlehre, die von Theologen, nicht von Jesus, transportiert worden sei. "Es hat der katholischen Kirche schwer geschadet, dass das Sexuelle als negativ dargestellt wird", unterstrich der Redner. Fortan warnte Heiner Geißler vor den Gefahren des Neoliberalismus und vor amerikanischen Verhältnissen. Das Kapital habe dem Menschen zu dienen und nicht umgekehrt.Der Wettbewerb geht über Leichen

Geißler sprach von "vielen unnötigen Fusionen" und fragte: "Was ist das für eine Wirtschaftsordnung, die wegen der Erhöhung einer Rendite die Existenz Zehntausender von Menschen aufs Spiel setzt?" Der Wettbewerb gehe über Leichen, die ethische Grundlage sei verloren gegangen. Erwartungsgemäß machte Schriftsteller Geißler in seiner Kritik auch vor der eigenen Partei nicht Halt. Vielfach sei die Tatsache, das C im Namen zu tragen, Heuchelei und Anmaßung, sagte Geißler, bevor er dem staunenden Publikum erklärte: "Mir wird schlecht bei dem Gedanken, alle Mitglieder meiner Fraktion lieben zu müssen." Bei der SPD gehe es ihm allerdings nicht besser. Immer wieder suchte Heiner Geißler fortan die Bibel als roten Faden, und wenn er dies tat, dann immer wieder mit klarer Ansprache. So kritisierte er unter anderem falsche Bibelübersetzungen, die sich irgendwelche Kirchenmänner aus rein theologischen Gründen zurecht gelegt hätten. Statt "Ihr sollt umdenken" heiße es zum Beispiel "Tuet Buße". Geißler zu diesem kirchentypischen Zwang zur allgegenwärtigen Unterwürfigkeit: "Seitdem rennen immer wieder viele Menschen demutsvoll mit Kopf am Boden rum." Nach der Begrüßung durch Prüms Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy ("Ihr Buchtitel passt geradezu in diese Stadt") hob Festival-Chef Josef Zierden die Verdienste Geißlers hervor. Er bezeichnete ihn als einen "Mann der offenen Worte, anregend geistreich und unkonventionell, immer wieder kritisch und selbstkritisch, über Parteigrenzen hinweg Stellung beziehend zu Fragen, die sich nicht in der politischen Tagesaktualität" erschöpften. In der Botschaft des Evangeliums sehe Heiner Geißler die große Chance für eine bessere Welt.