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Genossenschaft will Leerstand in Kyllburg beseitigen

Stadtentwicklung : Genossenschaft will Leerstand in Kyllburg beseitigen

Viele Wohnhäuser in Kyllburg stehen derzeit leer. Zwei Luxemburger wollen das ändern – mithilfe einer Genossenschaft.

Die Rolläden sind unten. Das sind sie seit Monaten. Die Mieter sind weg, neue finden sich kaum. Eigentlich sind die Häuser in der Innenstadt Kyllburgs schön anzusehen – Prachtbauten, für die andernorts ein Vermögen gezahlt würde. Doch sie verfallen, weil keiner sie haben will, keiner sich kümmert. Putz bröckelt von den Wänden, einst weiße Fassaden blättern ab, färben sich schmutzig braun.

Keine Frage: Kyllburg hat ein Leerstandsproblem. Für Nicolas Collé und seinen Kollegen Frank Dimmer ist das aber kein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Stattdessen wollen die Luxemburger einen Teil dazu beitragen, es zu lösen. Sie planen, eine Genossenschaft zu gründen, um Gebäude zu kaufen und zu renovieren. Wie diese Zusammenkunft helfen könnte, den Wohnraum in Kyllburg attraktiver zu machen, erzählt der 45-jährige Collé im Interview:

Herr Collé, was bringt einen Koch ins Immobiliengeschäft?

Collé: Mein früherer Chef hat mich auf die Idee gebracht. Er betreibt ein Restaurant in der Eifel, besitzt aber auch Miethäuser. Mein Kumpel Frank Dimmer wollte mich außerdem jahrelang überreden, in die Branche einzusteigen. Schließlich bin ich mit Maklern durch Kyllburg gegangen und habe ein nettes Haus gefunden. Und so fing alles an. Inzwischen besitzen wir fünf Gebäude, die wir renovieren und vermieten wollen. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich aber weiterhin als Koch.

Und jetzt wollen Sie eine Wohngenossenschaft gründen. Warum?

Collé: Mit der Immobiliengesellschaft wollen wir Geld verdienen, mit der Genossenschaft der Stadt etwas Gutes tun.

Können Sie Ihr Vorhaben skizzieren?

Collé: Eine Gruppe von Menschen gibt Geld an eine Genossenschaft ab. Wenn ein Eigenanteil erreicht ist, nimmt die einen Kredit auf und kauft ein Haus. Die Renovierungskosten trägt die Genossenschaft, und macht aus Bruchbuden lebenswerten Wohnraum, der allen Genossen gehört. Die zahlen für die Nutzung der Räumlichkeiten, bekommen aber noch mehr für ihr Geld: Denn die gemeinsame Immobilie steigt durch die Sanierung im Wert, ist also eine Anlage. Und wenn die Genossenschaft einen Überschuss erwirtschaftet, kommt ein Spielplatz in den Garten oder Blumentöpfe in den Flur. So weit die Theorie.

Und wie sähe die Praxis aus? Haben Sie schon Häuser im Blick? Was soll dort dann passieren?

Collé: Ja, wir interessieren uns vor allem für die untere Stiftsstraße. Dort stehen einige Gebäude leer, aus denen man etwas machen kann. Die Baukultur soll aber erhalten bleiben, jede Originalwand stehenbleiben. Haciendas und Rundbögen wird es bei uns keine geben. Die gehören nach Spanien. Sehr viel ändern wird sich also nur drinnen. Das Gute: Jeder Genosse kann hämmern, bohren und pinseln, ohne einen Vermieter fragen zu müssen. Den gibt es ja nicht.

Woher haben Sie die Idee? Wurde das Modell erprobt?

Collé: Baugenossenschaften haben in der Bundesrepublik Tradition. Gute Beispiele gibt es in Köln, aber auch in Trier und Wittlich. Am meisten beeindruckt hat uns ein Projekt aus Gillenfeld: „Die Genossenschaft am Pulvermaar, eine sorgende Gemeinschaft“.

Aber kann sich das jeder leisten? Wie teuer werden die Nutzungsgebühren für die Häuser?

Collé: Es geht mir und Dimmer darum, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die Nutzungsgebühren werden immer etwas geringer bleiben als übliche Mietpreise und keinen Preisschwankungen unterworfen sein.

Klingt nicht, als gäbe es da finanziell viel zu holen. Was ist für Sie drin?

Collé: Vor allem jede Menge Arbeit und Unruhe im Leben. Aber später vielleicht die Freude, in Kyllburg etwas erreicht zu haben. Ich habe mich in die Stadt verliebt und will dabei helfen, sie zu entwickeln. Mit unseren begrenzten finanziellen Mitteln können wir das aber nur gemeinsam mit anderen, in einer Genossenschaft.

Wann können Sie loslegen?

Collé: Das wird wohl Jahre dauern. Eine Genossenschaft zu gründen, erfordert ein langwieriges rechtliches Verfahren. Ein Notar hat uns aber einen Fahrplan erstellt, sodass wir jetzt wissen, wie wir  Schritt für Schritt vorgehen müssen.

Zuerst müssen Sie wohl Genossen finden, die mitmachen ...

Collé: Vier Interessenten gibt es bereits und auch die Gemeinde will mitmischen. Das reicht, rechtlich gesehen. Wenn sich weitere finden: umso besser. Wir brauchen vermögende Investoren, die  sich engagieren wollen. Sehr viel Geld wird aber nicht nötig sein. Einige Gebäude in der Stadt sind ja günstig zu haben – für 2000 bis 5000 Euro. Außerdem bekommen Bauherren für die Restauration historischer Häuser im Stadtzentrum Zuschüsse vom Land Rheinland-Pfalz.

Viel Entwicklungspotential also. Dann müsste die Kleinstadt ein Paradies für Investoren sein. Warum klappt es dann seit Jahren nicht, den Sanierungsstau aufzuhalten?

Collé: Diese Frage kann ich nicht beantworten. Kyllburg ist in meinen Augen attraktiv. Luxemburg ist für Arbeitnehmer nicht weit weg, die Zuganbindung nach Köln und Trier gut. Studenten könnten sich hier zu erschwinglichen Preisen eine schöne Wohnung suchen und zur Uni pendeln. Stattdessen bezahlen sie in Trier Unmenge für kleine Buden.

Der Trend geht aber in eine andere Richtung. Vor allem junge Menschen zieht es in die Städte, Studenten zum Beispiel. Ist es da nicht etwas naiv davon auszugehen, dass sich ausgerechnet Kyllburg diesem Trend entgegenstellen kann?

Collé: Alle, die sich in Kyllburg engagieren, sind naiv. Das müssen wir sein. Ohne Naivität würde sich hier nichts bewegen.