"Gerichte lassen sich nicht belügen"

"Gerichte lassen sich nicht belügen"

TRIER. Faustdicke Überraschung im Trierer Landgericht: Die Erste Große Jugendkammer hat gestern einen wegen versuchten Totschlags angeklagten 48-jährigen Bitburger freigesprochen. Begründung: In dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten.

Diesen Mut bringen Richter selten auf: Weil die Beweise der fünfköpfigen Kammer unter ihrem Vorsitzenden Rolf Gabelmann nicht ausreichten, um einen wegen versuchten Totschlags angeklagten Familienvater zu verurteilen, sprach das Gericht den Mann frei. Der Staatsanwalt hatte in seinem Plädoyer vor einer Woche noch vier Jahre Gefängnis für den 48-Jährigen gefordert.Zu viele Widersprüche und Ungereimtheiten

Hintergrund ist eine zweieinhalb Jahre zurückliegende blutige Auseinandersetzung zwischen einer deutschen und einer türkischen Gruppe in der Bitburger Echternacher Straße (der TV berichtete mehrfach). Was genau an jenem Abend geschah, ist unklar. Sicher dagegen: Einem damals 26-jährigen Türken war ein Messer fast 20 Zentimeter in den Oberbauch gestochen worden. Der junge Mann überlebte nur dank einer sofortigen Notoperation im Bitburger Krankenhaus. Hauptverdächtiger: der 48 Jahre alte Familienvater. Laut Trierer Staatsanwaltschaft hatte der Bitburger mit seinen beiden (ebenfalls angeklagten) Söhnen seinerzeit einen "präventiven Gegenschlag" gestartet, als sie die sechsköpfige Gruppe Türken auf ihre Wohnung zukommen sahen. Im Verlauf des anschließenden Gerangels soll das Familienoberhaupt dem jungen Türken einen "wuchtigen Messerstich" versetzt haben, was der Angeklagte vehement bestritt. Nach seinen Angaben war er damals das erste Opfer des blutigen Streits. "Es klingelte an der Haustür, er machte die Tür auf, bekam eine vor den Kopf, und das war's", sagte sein Verteidiger Michael Quester im Plädoyer. Schwer belastet wurde der 48-Jährige dagegen von dem damaligen Opfer und dessen Bruder. Beide hatten ausgesagt, dass der Bitburger zugestochen habe - "tausendprozentig", wie einer der beiden meinte. Hundertprozentig gelogen war allerdings eine Aussage des 25-jährigen Bruders vor Gericht. Als ihm dies durch ein Gutachten des Landeskriminalamts nachgewiesen wurde, räumte der Zeuge die Lüge ein und entschuldigte sich. Damit allerdings war - zur Freude der Verteidiger - seine komplette Aussage gegen den Hauptangeklagten "nicht verwertbar", wie es Chef-Richter Rolf Gabelmann gestern formulierte. Blieb als Hauptbelastungszeuge noch das Opfer selbst: Doch auch dessen Aussagen in den Vernehmungen und vor Gericht wiesen "viele kleine Widersprüche und Ungereimtheiten" (Gabelmann) auf. "Wir haben sehr, sehr starke Zweifel, dass die Schilderungen des Opfers richtig sind", resümierte der Vorsitzende Richter, "das kann keine Grundlage für eine Verurteilung sein." Die logische Konsequenz: Freispruch. Auch die beiden wegen Körperverletzung mitangeklagten Söhne des 48-Jährigen wurden freigesprochen. Dies hatte allerdings auch der Staatsanwalt zuvor gefordert. Der ließ zunächst offen, ob die Anklagebehörde gegen das Urteil Revision einlegen wird. Verteidiger Michael Quester strahlte dagegen über beide Backen: "Das Urteil zeigt, dass man sich auf unsere Justiz verlassen kann. Gerichte lassen sich nicht belügen."