Geschafft: Die 100 sind voll

Geschafft: Die 100 sind voll

ROTH/KOBSCHEID. "Ich bin glücklich, dass ich das geschafft habe", sagt Johann Leuther. Glücklich ist er, und stolz darf er sein. Als erster in der Vereinsgeschichte der Laufgemeinschaft Lünebach-Pronsfeld hat er es geschafft, 100 Marathons zu laufen.

Der 57jährige Johann Leuther ist fit wie ein Turnschuh und kennt sich in der Welt aus wie in seiner Trainings-Westentasche. Außerdem kann er jetzt Mitglied im 100er-Marathon-Club werden. Der Junggeselle "schafft" bei der Baufirma Backes und spart jeden Cent für seine Reisen. Vorrangiges Ziel: Zum nächsten Marathon. Er hat alle Erdteile belaufen. In mehr als 60 Ländern ist er gewesen. Wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt, knipst er seinen Globus an und überlegt, wohin die nächste Reise geht. Dann liest er Reiseführer und sucht sich eine Gruppe, mit der er mitfährt. "Ich kann keine Fremdsprache - nur Platt", sagt er und lacht schallend. Wenn man Johann Leuther als Frohnatur beschreibt, wird keiner widersprechen. Krankheit ist für den agilen Marathonläufer ein Fremdwort. Nur vor Verletzungen ist auch er nicht gefeit. In Australien hat er sich beim Schwimmen am Barrier-Riff verletzt. "Ich dachte erst, mich hätte ein Hai-Gebiss gestreift, aber ich hatte mir an einem Korallenriff den Fußballen aufgeschnitten", sagt er. Den etwa acht bis zehn Zentimeter langen Riss hat ihm ein zufällig in der Gruppe mitreisender Arzt mit buntem Zwirn (eigentlich gedacht, um während der Reise Knöpfe anzunähen) und Nadel, aber ohne Betäubung "geflickt". Keine Frage, Johann Leuther, Spitzname Larry, lief natürlich wenige Tage später in Tokio die große Runde um den Königspalast. Die Fäden wurden in Simbabwe gezogen, bevor er zum Kap der guten Hoffnung startete. Der 100-Marathon-Mann ist alles andere als eine Bohnenstange. Bei 1,72 Meter Körpergröße bringt Larry etwa 88 Kilo auf die Waage. "Bei Marathonläufen sehe ich aus wie das Radiergummi, und die anderen sind die Bleistifte", sagt er und lacht wieder schallend. Seit ein paar Jahren ist ihm auch seine Zeit egal. Lag die persönliche Bestzeit früher noch bei 3,30 Stunden, läuft er die 42,195 Kilometer nun meist in 4,15 bis 4,45 Stunden. Kein Wunder, denn mit seinen Einwegkameras macht er auch schon mal während des Laufs einen kurzen Fotostopp. "Wenn ich mal im Altersheim bin, dann kann ich Fotoalben blättern", sagt er (und kichert). Neben T-Shirts, die es nach jedem Marathon gibt, sammelt er Flugzeugmodelle. Und zwar die, mit denen er um die Welt jettet. Mehr als 30 hat er schon. Aufgegeben hat er noch nie

Wettkampfvorbereitung gibt es für ihn nicht. Zweimal die Woche geht er zehn Kilometer laufen. Am Wochenende nimmt er an Wettkämpfen teil. Eigentlich zu wenig, um einen Marathon durchzustehen. Doch aufgegeben hat er noch nie. Bei Kilometer 35 heißt es Zähne zusammenbeißen, aber wenn er durchs Ziel läuft, denkt er schon über den nächsten Marathon nach. Und dann kommt der schönste Moment für Johann Leuther. "Ich laufe durch das Ziel und einige Meter weiter wird mir die Medaille umgehängt", erzählt er. Dabei kann es passieren, dass dem vollbärtigen Mann mit dem Schalk im Nacken ein paar Tränen der Rührung über die Backe kullern. Der schönste Marathon sei der in New York, der spektakulärste der Sahara-Marathon in Algerien gewesen, sagt er. Dort lebte Leuther acht Tage bei Einheimischen in Lehmhütten ohne Licht und fließend Wasser. "Ein Marathon ohne Dusche - das war schon was", sagt er. Beim Lauf wäre er fast "verreckt", weil nicht genug Wasserflaschen bereit standen. Erst ab Kilometer 20 klappte die Versorgung wieder. Er sei aber schon so vertrocknet gewesen, dass sein Magen es nicht mehr angenommen habe. Johann Leuther geht nun auf "Abschiedstournee", wie er sagt. "Wo ich jetzt an den Start gehe, laufe ich zum letzten Mal." Anfang Februar beginnt seine dritte Weltreise. Mit Abstecher in die Antarktis, wo er natürlich auch laufen wird. Und wenn die Knochen nicht mehr mitmachen? "Dann kaufe ich mir ein Pferd und reite für Deutschland", sagt Larry und lacht - natürlich - schallend. Johann Leuther zu Ehren gibt es am Samstag, 21. Oktober, einen Fackelmarsch durch Pronsfeld. Start ist um 19 Uhr ab Bürgerhaus. Hinterher feiert die Laufgemeinschaft Lünebach-Pronsfeld im Bürgerhaus ihr Vereinsfest.