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Geschichten von Bank zu Bank

Geschichten von Bank zu Bank

Mit Kölsch getauft, mit Batralzem gestählt: Der Kölner Autor Bernd Imgrund schreibt ein Buch über sein neues Zuhause in der Eifel. Dafür hat er sich auch einen Tag lang auf die Mitfahrerbänke in Kyllburg gesetzt. Der TV hat ihn begleitet.

Kyllburg. "Ich komm' mir langsam vor wie der Typ in ,Täglich grüßt das Murmeltier'", sagt Bernd Imgrund. Der Autor sitzt auf einer Mitfahrerbank in Kyllburg - seit Stunden. Stimmt nicht ganz: Er pendelt zwischen den beiden Bänken (eine steht in der Bahnhofsstraße im Stadtzentrum, eine in der Bademer Straße - auf der anderen Seite der Kyll) hin und her - sofern denn Autofahrer bereit sind, ihn mitzunehmen. Genau das habe er nämlich mal herausfinden wollen, sagt er - und bemerkt jetzt, welchen Nebeneffekt das Ganze auch hat: "Ich krieg' alles mit." Manche liefen schon zum fünften Mal an ihm vorbei. Und manche, erzählt er, hielten ihn wohl auch für bescheuert: wie der Bauer auf seinem Traktor, der nach drei Stunden erneut vorbeigekommen sei - "und ich? Sitz' immer noch hier."Mit Puppe, Schild und Kaffee


Der Mann aus Köln hat sich aber etwas dabei gedacht: Mit seiner "Kunstaktion" will er ein Zeichen gegen den Ladenleerstand in Kyllburg setzen - weshalb er sich auch an die alten Öffnungszeiten hält, "so wie viele sie aus ihrer Kindheit kennen". Außerdem soll aus dem, was er erlebt, später eins von 20 Kapiteln werden - in seinem Buch "Mein Haus in der Eifel: Vom Städter, der auszog, Batralzem zu trinken", das im Herbst beim Hillesheimer KBV Verlag erscheint.
Unverhofft hat Bernd Imgrund dabei Gesellschaft: Nicht nur, dass Marion Seitz vom Hotel Müller, engagiert in der "Bürgerlichen Initiative Offensive Kyllburg dajee", ihn mit reichlich Kaffee versorgt - auf der Bank im Zentrum sitzt auch "Hope": die Puppe, die in Kyllburg jeder kennt und die, zwischenzeitlich verschwunden, jetzt "wieder angeliefert" wurde: "Aber woher die eigentlich kommt, das weiß kein Mensch."
Und Bernd Imgrund? Der erzählt nicht ohne Stolz, dass sein Vater ihn in der Kneipe seiner Tante einst unter einen Zapfhahn gehalten und mit Kölsch getauft habe. So ähnlich sei er dann auch hier vorgegangen, mit Batralzem, "diesem absurd bitteren Zeug", aber das sei nunmal das Taufwasser von Kyllburg - und da sind wir auch beim Thema seines Buchs: Das handle von den "Stolpersteinen, die man überwinden muss, wenn man sich hier einleben will", sagt er. "Auf humorige Art. Aber saftig wird's auch: Ein paar Bierchen kommen auch drin vor."
Nein, Bernd Imgrund macht das nicht zum ersten Mal: In "Kein Bier vor Vier", erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, ist er für ein paar gute Zeilen in die dunkelsten Kaschemmen abgestiegen. 100 Tage Kneipentour durch die ganze Republik.
Und jetzt also Kyllburg? Der "morbide Charme" des Ortes ziehe wohl an, sagt er und meint das ganz liebevoll: Im vergangenen Herbst habe seine Familie dort ein 300 Jahre altes Haus gekauft und renoviert. Die Eifel: "Für den Kölner ist sie eh Naherholungsgebiet." Aber in Kyllburg habe er sich "peu a peu verguckt".
Und viel "Tragikomisches" werde sich im Buch wiederfinden. "Regionale Spezifika und skurrile Begebenheiten", sagt Imgrund. Dafür hat er sich auch nicht nur einen Tag lang auf die Mitfahrerbänke gesetzt: Er ist außerdem nach Bitburg gepilgert und hat sich vier Tage lang im Kloster St. Thomas aufgehalten - für die innere Einkehr: "Das war für mich das Spektakulärste", sagt er. "Weil es am weitesten entfernt von meinem Alltag ist." Er sei dann auch einmal geflüchtet, gesteht er - nach Kyllburg, versteht sich: "Da bin ich hingelaufen, eine Stunde lang, hab mich kurz in die Bahnhofskneipe gesetzt, und bin wieder zurück."Elf Touren, mittags eine Flaute


Interviews führt er auch für sein Buch: mit Schriftsteller-Kollege Norbert Scheuer zum Beispiel, der ebenfalls ein Zweithaus in Kyllburg besitzt. Und von der ganzen Haus-Renoviererei erzählt er darin auch, von dem Anblick weggefressener Dielen, von Bohrhammer und Tapeziertisch.
Gespräche, Fakten und eigene Gedanken werde er dann auch in das Kapitel über die Mitfahrerbänke einstreuen - Gedanken, zum Beispiel "die an alte Anhalterzeiten". Und dabei fällt ihm ein, dass er früher schon nicht so gerne per Anhalter gefahren sei. Und dass das hier ja gar nicht so anders sei - auch wenn es im Prinzip funktioniere: "Du brauchst ein Schild und eine gut platzierte Bank."
Die in der Bademer Straße, kurz bevor es zum Lidl-Parkplatz geht, würde Imgrund immer mal wieder gerne ein paar Meter die Straße runtertragen - es geht am Ende aber auch so. Und ein Schild hat er sich selbst gezimmert: Er wird es am Ende des Tages dort stehen lassen. Für die, die vielleicht morgen dort sitzen. "Auf diesem den Sozialgedanken fördernden Bänkchen."
"Eine echte Flaute" hat er nur mittags, da fängt es auch an zu regnen, da holt er sich Kaffee im Lidl. Aber elf mal hin und zurück schafft er es an diesem Tag. "Eine junge Frau hat mich zum Beispiel mitgenommen, die hatte gerade erst ihren Führerschein. Die erzählte mir dann, sie hätte mit ihrem Vater schon geschimpft - der hat nämlich nicht angehalten." Die allerletzte Tour, die zweiundzwanzigste, macht er zu Fuß - zurück in sein Zuhause.
Und in der ganzen Zeit dazwischen? Imgrund: Nichts als "produktive Langeweile." Er zeigt uns sein kleines Heft. Und die vielen Seiten voller Notizen.Extra

Draufsetzen, kurz warten, von einem Vorbeifahrenden mitgenommen werden - eine simple Idee und ein Riesen-Erfolg: Die erste Mitfahrerbank wurde 2014 in Speicher aufgestellt, heute sind es im ganzen Eifelkreis schon fast 20 Exemplare. Nachahmer finden sich mittlerweile in ganz Deutschland. Entwickelt wurde die Idee im Rahmen eines Projekts des Caritasverbands Westeifel von Psychologin Ursula Berrens: Verbessert werden soll die Mobilität auf dem Land - einfach, indem man sich gegenseitig hilft. eibExtra

Bernd Imgrund wurde 1964 in Köln geboren und ist freier Journalist und Autor. Er arbeitete dort unter anderem als Redakteur eines Stadtmagazins und hat mehr als 25 Romane und Sachbücher veröffentlicht, insbesondere Reisereportagen. Mit seiner Frau und seinen beiden Kindern ist er seit ein paar Monaten auch immer öfter in Kyllburg: Die Familie hat sich dort ein Zweithaus gekauft. Sein neues Buch "Mein Haus in der Eifel. Vom Städter, der auszog, Batralzem zu trinken", erscheint im Herbst beim KBV Verlag. eib