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Getreidemotte galt in der Eifel lange als Strafe Gottes

Geschichte : Wenn Getreide sich in Fliegen verwandelt

In der Prümer Chronik von Pater Servatius Otler aus dem Jahre 1623 findet sich ein bemerkenswerter und erheiternder Bericht des Erzbischofs und Kurfürsts Johann von Schonenburg.

Heute nennt man die lästigen Tierchen schlicht „Getreidemotte“. Früher aber schien deren Erscheinen eher eine Strafe Gottes zu sein, wie aus einem alten Bericht des Erzbischofs und Kurfürsts Johann von Schonenburg (1580-1599). hervorgeht. Quelle ist eine Chronik von Pater Servatius Otler in der Übersetzung von Alois Finken.

„Aus der Stadt Koblenz, die zur Trierer Diözese und zum Kurfürstentum gehört, gibt es zurzeit ein bedeutsames Ereignis zu berichten, das man nicht verschweigen sollte.

Ein reicher Wucherer sagte, als man ihn auf den Verkauf seines Getreides ansprach, er werde nichts verkaufen, bis der Preis um die Hälfte gestiegen sei und man ihm diesen Preis auch zahle. Nicht eher wolle er verkaufen, selbst wenn er warten müsse, bis sein Getreide vom Speicher fliege.

Was dieser raffgierige und hartherzige Mensch mit gotteslästerlichen Worten und verblendetem Herzen gesagt hatte, ließ Gott zur Strafe für diesen Mann und als warnendes Beispiel für andere sofort Wirklichkeit werden. Auf Gottes Wink verwandelte sich das ganze Getreide in Fliegen.

Diese flogen davon, fielen aber bald haufenweise zur Erde und lagen als bisher unbekannte Lebewesen wie Sand auf den Wegen und am Rheinufer, denn jede Fliege war mit einem Korn verwachsen. Das habe ich von einigen Leuten gehört, welche die Fliegen gesehen und einiges von diesem verwandelten Getreide aufgelesen haben.“

Der Erzbischof nutzte dieses ihm erzählte Ereignis, um mit erhobenem moralischem Zeigefinger erneut seine theologischen Predigten zu untermalen.

Für ihn war dieses Geschehen der „Beweis von Gottes Unwillen, der den Geiz dieses Menschen verabscheute und strafte.

Denn er besitzt die Macht, alles aus dem Nichts zu erschaffen, und er gewährt in seiner Güte vor den Jahren des Hungers oder der Teuerung stets Jahre der Fülle, damit dann der Mangel und die Not der Armen gemildert werden kann, wie er das bekanntlich in Ägypten zur Zeit des Patriarchen Josef getan hat.“

Damit meinte der Erzbischof jenen Bericht aus dem Alten Testament, in dem Josef die Träume des Pharaos deutete und ihm empfahl, viele Vorräte anzulegen, da nach sieben Jahren mit den ergiebigsten Ernten sieben Jahre der Not und des Hungers folgen würden.

Für den Erzbischof und die Menschen des 16. Jahrhunderts war dieses Naturschauspiel ein Beweis für Gottes aktives Wirken und auf sein auf wunderliche Weise Eingreifen in menschliches Fehlverhalten.

Für heutige „supermoderne, aufgeklärte und nach begründbaren Beweisen suchende Menschen“ erklärt sich dieses Koblenzer Phänomen auf biologische Weise.

Mit höchster Wahrscheinlichkeit handelte es sich bei dem fliegenden Getreide um die millimeterkleine Roggen- oder Getreidemotte. Sie klebt etwa hundert ihrer rötlich weißen und ovalen Eier an die Außenhülle von Getreidekörnern.

Die Entwicklung der Larve bis hin zum fertigen Insekt erfolgt jedoch im Inneren des Getreidekorns, das von den Raupen vollständig ausgehöhlt wird. Nach etwa vier Wochen fliegt die fertige Motte dann fort, und zurück bleibt kaum ein Rest der nahezu durchsichtigen Kornhülle.

In der Tat – sonderbar! Vor kurzem noch ein Haufen schönstes Getreide, und dann nach Wochen nichts mehr da – alles wie fortgeflogen! Im Lagerraum nur mehr Kot und die Gespinste der Larven – für eine Weiterverarbeitung zu Lebensmitteln völlig ungeeignet.

Ärgerlicher Schaden – aber keine Strafe Gottes.

Heute werden Pheromonfallen gegen Getreidemotten angewendet, das gründlich gereinigte Getreide mehrmals gewendet und vor allem die Lagertemperatur auf unter 10 Grad Celsius herabgesenkt, weil Wärme und Luftfeuchtigkeit beste Voraussetzungen für die Entwicklung der Mehlmotte sind.