Gewalt in der Pflege: Drei Abende in Prüm befassen sich mit dem Thema

Kostenpflichtiger Inhalt: Drei Themenabende in Prüm : Wenn Gewalt in der Pflege die Oberhand gewinnt

Was tun gegen Übergriffe in der Pflege? In Prüm widmet man sich demnächst an drei Abenden dieser Frage – mit dem Experten Uwe Brucker.

Dieser Tage wurde bekannt, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Probleme hat, die zusätzlichen 13 000 Stellen in der Altenpflege zu besetzen, die per Gesetz geschaffen werden sollen. Dabei wären selbst diese 13 000 neuen Kräfte nicht genug, um den Notstand gründlich zu beheben.

Ein Notstand, der auch ins Thema führt, mit dem sich eine Vortragsreihe in Prüm im Oktober befassen wird: Immer wieder erleiden pflegebedürftige, meist alte Menschen, Gewalt, verübt von ausgerechnet denen, die für ihr Wohlergehen sorgen sollen. Sie zeigt sich körperlich, psychisch, bei intimen Übergriffen, durch Vernachlässigung oder finanzielle Ausbeutung. Sie geschieht in den Einrichtungen, in denen sie untergebracht sind. Aber auch in Familien, die sich zu Hause kümmern.

Und es passiert auch in umgekehrter Richtung: Wenn der kranke Mensch, dessen Verstand, etwa aufgrund einer Demenz, getrübt ist, eine Situation nicht versteht und deswegen aggressiv reagiert. Oder grabschend gegenüber Pflegenden übergriffig wird.

Lisa Ewertz beim Caritasverband Westeifel in Gerolstein nennt dazu eine Studie, die 2017 vom deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung vorgenommen wurde: 402 Pflegekräfte wurden nach ihren Erlebnissen zum Thema „Gewalt in der Praxis“ befragt, sie sollten ihre Erfahrungen aus den vergangenen drei Monaten schildern. „Ein Drittel der Befragten gab an, sehr häufig mitzuerleben, dass Maßnahmen gegen den Willen von Patienten oder Pflegebedürftigen durchgeführt werden“, sagt Lisa Ewertz. Und jeder siebte Befragte habe angegeben, in dieser Zeit Opfer von Gewalt durch Patienten geworden zu sein.

Ein Grund für Gewalt, sagt Dominik Kirschbaum vom Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKFM) in Prüm, sei die Überforderung, die viele ereilt, in den Institutionen und zu Hause: Wenn man in eine solche Situation schlittere, „dann wird da auch mal was passieren“, sagt er. „Das ist so.“

Mal rutsche jemandem die Hand aus, ein anderes Mal äußere sich die Überforderung in einer unterlassenen Hilfeleistung – da werde dann ein Mensch „in einer stinkigen Windel liegengelassen. Nach dem Motto: Ich fass dich nicht mehr an.“

Er habe selbst, als rechtlicher Betreuer pflegebedürftiger Menschen, bereits öfter haarsträubende Situationen erlebt. So sei er eines Tages in ein Heim gekommen, in dem vor allem demente Menschen lebten. Einzige Aufsichtsperson: eine „völlig überforderte“ und nicht ausgebildete Hilfskraft. Schon von Weitem habe man gehört, wie die Frau die alten Menschen anschrie. Es sei zwar keine Handgreiflichkeit gewesen. „Aber eine völlig katastrophale Verbalentgleisung.“

Auch das ausgebildete Personal in Heimen und weiteren Einrichtungen, sagt Melanie Bischof, Chefin der Caritas-Sozialstation Arzfeld-Prüm, gerate oft „an die mentale Belastungsgrenze – wo man dann nicht mehr in der Lage ist, professionell zu reagieren“.

Beim Caritasverband versuche man, mit diesen Problemen offen umzugehen – und zählt deshalb auch zu den Organisatoren der Vortragsreihe, die kommenden Monat in Prüm angeboten wird:  Woher kommt die Gewalt, wie äußert sie sich – und was kann dagegen ausgerichtet werden? Drei Abende lang soll in der Karolingerhalle diesen Fragen nachgegangen werden.

Dafür haben sich die Ausrichter einen Experten nach Prüm geholt: Uwe Brucker, ehemaliger Fachgebietsleiter für pflegerische Versorgung beim  Medizinischen Dienst des Bunds der Krankenkassen, Lehrbeauftragter an diversen Hochschulen und Verfasser von Büchern zum Betreuungs- und Pflegeversicherungsrecht.

„Es ist einfach ein wichtiges Thema“, sagt Melanie Bischof. „Und aufgrund des demografischen Wandels wird es immer wichtiger, darüber zu reden.“ Das bestätigt auch Dominik Kirschbaum: „Dieses Thema ist eigentlich ein Tabu. Und genau deshalb wollen wir das machen und an den drei Abenden darüber reden.“

Und vielleicht ja auch darüber, wie man mehr Menschen für pflegende Berufe begeistern kann – womit wir wieder am Anfang wären, wo es um die fehlenden Kräfte ging: Bei all den genannten Problemen, sagt in Gerolstein Winfried Wülferath, Direktor des Caritas-Verbands-Westeifel, „sollte man nicht vergessen, dass Pflege eine schöne und sinnstiftende Tätigkeit ist. Es gibt keinen Beruf, in dem man so oft ein Dankeschön hört.“

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