Gierig nach Drama
Ich muss an dieser Stelle ein Geständnis ablegen. Ich bin Serien-Junkie. Nicht, dass ich meine gesamte Freizeit vor dem Fernseher verbringe. Aber ohne meine tägliche Ration "Sturm der Liebe" plagen mich Entzugs-Erscheinungen wie zielloses Zappen und allgemeine Orientierungslosigkeit.
Denn Serien wie diese Telenovela, die dem Liebesspektakel im Hotel Fürstenhof auf den Zahn fühlt, können dem Leben Struktur geben - wichtig vor allem für Menschen (wie Studenten und Freiberufler), die ihren Tag frei organisieren können.
Bevor dieser nämlich im zeitlosen Chaos versinkt, werden die Fernsehtermine zum Rettungsanker im Kalender. Mittlerweile ist der Sendetermin um 15 Uhr für mich zwar unerreichbar. Aber statt dessen klingelt nun morgens mein Wecker, wenn die Wiederholung von "Sturm der Liebe" beginnt. Mein Glück: Die Saalfelds flimmern in den Regionalprogrammen der ARD um 7.45, 8.05, 8.10, 9.15 und 10.30 Uhr über die Mattscheibe. Freie Auswahl also! Und ich muss sagen: Meine Motivation, mich aus dem Bett zu quälen, steigt mit der Aussicht auf Drama enorm.
Warum ich mir dieses Spektakel anschaue, das von Unwahrscheinlichem, wenn nicht Unmöglichem erzählt? In dem Mord, Entführungen, Unfälle und Intrigen auf der Tagesordnung stehen? Nun ja, irgendwann werden die Figuren zu guten Freunden, die Gesichter, die uns täglich von der Mattscheibe anblicken, vertraut. Ich kann mich darauf verlassen, dass sie zum verabredeten Zeitpunkt in meinem Wohnzimmer auftauchen. Es sei denn, es stehen Sportgroßveranstaltungen wie Olympia oder Fußballweltmeisterschaften an. Dann müssen die Dramen des Lebens, Tränen und Liebschaften schwitzenden Sportlern weichen. Aber bis zum Ende des Jahres sind wir Serien-Freaks von diesem Hürdenlauf wohl verschont - und mein Morgen ist gerettet...
Mehr zu diesem Thema gibt's übrigens am Donnerstag im "Spurwechsel" zu lesen. vk/jöl