Glaub nicht, dass du besser seist

Philosophie : Glaub nicht, dass du besser seist

Jürgen Stenzel aus Göttingen ist Vorsitzender der beiden Brunner-Stiftungen. Für ihn bleibt der weithin vergessene Philosoph aktuell, denn er spreche Probleme an, die uns nach wie vor begleiten: „Warum sollte man heute Brunner lesen?“, fragt Stenzel. Antwort: „Aus vielen Gründen.“

Einer davon sei der politische: „Brunners Kritik des Judenhasses, aber auch des Zionismus, ist in keiner Weise bloß historisch, zeitbedingt und überholt.“ Die darin angesprochenen Probleme blieben eminent, so gehe Brunner auch auf Migrationsfragen ausführlich ein: „Wie müssen sich die Einwandernden und überhaupt die unterschiedlichen Gruppen verhalten, damit eine Gesellschaft funktioniert und die Gruppen nicht übereinander herfallen? Brunner geht es dabei nie um die Überlegenheit von Kulturen, Religionen, Sprachgemeinschaften oder sonstwelchen Sitten, sondern stets um die Frage, wie ein Zusammenleben friedlich sein kann.“

Schwierig, da wir „offensichtlich kaum in der Lage sind, die andersartigkeit zu dulden und zu ertragen“. Den Anderen kategorisch als „schlecht“ abzulehnen, das kritisiere Brunner. „Aber daraus folgt eben nicht Multikulti allüberall“, sagt Stenzel.

Der Philosoph verlange eine gewisse Assimilation von allen, „die mit uns zusammenleben wollen“. Denn auch „wenn wir tolerant sind gegen die Verschiedenheit anderer, so heißt das doch noch nicht, dass ihr Leben mit dem Unsrigen kompatibel sein muss. Es ist natürlich wünschenswert, dass wir alle – sie auch – frei leben können, wie sie wollen. Aber praktisch führt das zu Problemen.“

Unter irgendeiner Kategorie, so heißt es weiter bei Constantin Brunner, „verachten sich alle Menschen gegenseitig, die Rassen, die Völker, die Parteien, die Stände, die Berufsarten, die Altersklassen“.

Im Ergebnis, sagt Jürgen Stenzel, führe das dazu, „dass wir große Schwierigkeiten haben, uns nicht gegenseitig zu erniedrigen, zu verachten, wenigstens in irgendeinem Punkt verächtlich übereinander zu denken. Also: ,Ich bin der Richtige!’, das ist für Brunner der Hauptmakel des menschlichen Charakters, der schwer zu beseitigen ist.“