Glaube im Alltag

Wer kennt ihn nicht, den Liebesfilm der 90er Jahre: Und? Klar: Pretty Woman. Richard Gere alias Edward Lewis, erfolgreicher Geschäftsmann, und Julia Roberts in der Rolle von Vivian Ward, dem wohl hübschesten Trottoirblümchen in der Kinogeschichte.

Beide profitieren von der Geschäftsbeziehung, doch es entwickelt sich etwas. Gefühle tauchen auf. Vivian will mehr als eine schicke Garderobe. Eines Tages stellt Edward folgende Frage: "Vivian, was willst du eigentlich?" Vivian: "Meine Mutter hat mich als Kind immer auf dem Dachboden eingeschlossen, wenn ich frech war. Und wenn ich da oben war, hab' ich gedacht, dass ich eine Prinzessin bin, die von einer bösen Königin im Turm gefangen gehalten wird. Und plötzlich kommt ein Ritter angaloppiert auf einem weißen Pferd mit wehenden Fahnen. Er reitet auf den Turm zu und zieht dann sein Schwert. Ich winke ihm zu. Er springt vom Pferd. Mein Ritter klettert den Turm nach oben - und rettet mich." Der Ausschnitt aus Pretty Woman umschreibt ziemlich genau, was bei Hollywoods Liebesfilmen der Dreh -und Angelpunkt ist: Es geht um Befreiung aus Gefangenschaft, Rettung aus sozial schwierigen Lebensverhältnissen, um die Flucht vor einer "dunklen" Macht - oder theologisch gesprochen - um Erlösung. Erlösung in Liebesfilmen kommt unglaublich romantisch daher. Im realen Leben braucht sie länger als 90 Minuten. Selbst mit einem christlichen Regisseur. Sich selbst und anderen zu verzeihen, gilt nicht als Zuckerschlecken. Und die Überwindung der gelegentlichen Differenz von Traum und Realität, Freund und Feind, Kirche und Welt gleicht mitunter einer Daily Soap, in der jeder eine Rolle spielt. Jeder von uns hat seine Macken und Kanten, seine komischen Seiten und seine Kostbarkeiten. Doch: Bei Christus kommen wir so an, wie wir sind. Und: Er kommt zu uns. Für Vivian Ward geht der langgehegte Traum in Erfüllung. Der erfolgreiche Geschäftsmann Edward überwindet seine Begrenzung, wird erlöst und zu ihrem Retter. Happy End. Und im Abspann taucht die Frage auf: Von wem lasse ich mich retten? Jörg Koch ist Pastoralreferent im Dekanat St. Willibrord Westeifel