Glaube im Alltag

Wer hat diesen Satz nicht schon mal gehört "Ich bin so frei"? Oder gelesen? Als Werbespruch unter einem angepriesenen Produkt? Freiheit ist ein hohes Gut: Menschen brechen aus der Unterdrückung auf, weil sie in Freiheit leben wollen - wer will das nicht? Mit der Freiheit ist das aber so eine Sache. Längst nicht bei allem, wo "frei" drauf steht, ist auch "frei" drin.

Der 31. Oktober ist mit der Erinnerung an Martin Luther verbunden, und er hat über die Freiheit zwei wichtige Sätze gesagt: "Der Christ ist ein freier Mensch und niemandem untergeben" und "Der Christ ist ein dienstbarer Knecht und jedem untergeben". Obwohl sich die beiden Sätze zu widersprechen scheinen, gehören sie doch zusammen. Auch Dietrich Bonhoeffer hat dies vor etwa 75 Jahren unterstrichen: Freiheit ohne die Bindung an Gott verkommt zur Willkür. Die Bindung an Gott ist aber kein sklavischer Gehorsam gegenüber jahrtausende alten Gesetzen, sondern die Frage nach dem, was Gottes Willen für diese Welt ist, und der ist, "fair" miteinander umzugehen. Damit ist die Aussage "ich bin so frei" nicht die Tür zu grenzenlosem Egoismus, sondern die bewusste Wahrnehmung des freien Handelns. Gott hat uns einen freien Willen gegeben. Er will, dass wir ihn in Verantwortung gebrauchen. Wen die Bindung an Gott und die Liebe zu ihm und seinen Geschöpfen zu sehr einengt, der begibt sich auf andere Wege, in andere Religionen - auch in die Religion des Geldes - und merkt nicht, wie er in neuen Abhängigkeiten und Zwängen landet. So werden wir oft mit dem Wort "frei" gelockt, aber genauso oft verstecken sich falsche Versprechungen dahinter. Wenn irgendwer mit dem Wort "frei" für seine Sache wirbt, sollten wir kritisch dahinter schauen, wie viel "frei" denn wirklich darin steckt. Oft ist "fair" besser. Meine Wahl ist gefallen. Pfarrer Clemens Ruhl, Prüm

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