Glaube im alltag

Irgendwann im August 1944 wurde mein sieben Jahre älterer Bruder mit achtzehn Jahren zur Wehrmacht eingezogen. Die Fahrt zur Grundausbildung stand bevor.

In der Annahme, er sei bereits fort, stöberte ich trotz strikten Verbots spontan in "seinen" Büchern herum. Plötzlich hieß es: "Finger weg von meinen Büchern!" Gleichzeitig wurde ich mit einer Stecknadel tief ins Hinterteil gestochen. Wütend schrie ich: "Hau ab! Ich will dich nie wieder sehen!" Anfang Oktober 1944 kam die Feldpost an ihn mit dem Vermerk zurück: "Vermisst! Neue Anschrift abwarten!" Erst 1950 erfuhren wir von seinem "Heldentod". Auf dem Ehrenfriedhof von Andilly (Lothringen) liegt er in einem Massengrab. Unwiderruflich! Gewiss, ich hatte es unter meinen wesentlich älteren Geschwistern (neun und sieben Jahre älter) manchmal schwer. Und ich war elf Jahre alt. Aber das alles ist keine Entschuldigung für meine unbedachten, bösen Worte, die mir bis heute nachgehen. Manchmal sage ich noch als alter Mann Dinge, über die ich mich hinterher kriminell ärgere. Meistens kann ich mich dann noch entschuldigen. Bei meinem Bruder kann ich das nicht! Daran trage ich schwer. Zwei Dinge helfen mir da allein: das Stoßgebet "Mein Jesus, Barmherzigkeit!" und die Gnade und Liebe Gottes, die er uns eben durch Jesus Christus anbietet. Darauf hoffe ich. Andernfalls wäre ich auf meine bösen Worte und manches andere festgenagelt. Unwiderruflich! Hans-Martin Stüber, Pfarrer im Ruhestand , Gerolstein