GLAUBE IM ALLTAG
"Ich brauch’ Tapetenwechsel, sprach die Birke, und dann machte sie sich langsam auf den Weg", sang vor vielen Jahren Hildegard Knef. Dieses Chanson kam mir während ein paar Urlaubstagen im Norden Deutschlands in den Sinn.
Im Garten steht eine turmhohe Birke, auf deren obersten Spitze sich eine Krähe wiegt, ich weiß nicht wie. In meinen mehr als achtzig Lebensjahren habe ich viele Tapetenwechsel erlebt, unfreiwillige und freiwillige. Dabei habe ich viel Schönes und viel Unschönes gesehen und erlebt. Zum Beispiel im Trollfjord auf den Lofoten, wo die Abend- und Morgensonne gleichzeitig auf die Felsen leuchtete. Da kommt mir unwillkürlich das Psalmgebet in den Sinn: "Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, das Menschenkind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott. Mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt." Der Alltag mit seinem schönen und unschönen "Klein-Klein" sieht oft anders aus: mühselige Plackerei, Missstimmungen, Hoffnungslosigkeit. Da merkt man nichts mehr von Herrlichkeit und Ehre. Am Ende steht uns der endgültige "Tapetenwechsel" bevor, von dem Hildegard Knef vielleicht schon etwas ahnte, als sie ihr Lied schrieb. Dieser Gedanke muss uns nicht die Urlaubsstimmung verderben. In meinem langen Leben stand ich oft auf der schmalen Grenze zwischen Leben und Tod. Aber das hat mir frohe Stunden nicht verdorben. Denn wer den endgültigen "Tapetenwechsel" nicht aus den Augen verliert, lebt bewusster. Er lebt in dem Wissen, dass er im Leben und im Tod in Gottes Hand steht. Hans Martin Stüber, Pfarrer im Ruhestand