Glaube im Alltag

Da reden die Leute vom ,,lieben Gott". Ist ein Kind nicht brav, ,,sieht der liebe Gott alles", wie der ,,große Bruder" aus George Orwells Roman ,,1984"? Kommt es im Leben hart auf hart, kommt man mit dem ,,lieben Gott" kräftig ins Stottern.

Ich habe in Notlagen Gottes Existenz nicht angezweifelt. Aber wer Er ist, was Er will und was Er mit uns vorhat, darüber komme auch ich ins Grübeln. Es geht mir dabei wie anderen Leuten auch: Geht es mir gut, ist es okay. Geht es mir aber schlecht, dann frage ich dennoch nicht ,,Warum?", ,,Womit habe ich das verdient?", oder ,,Wie kann Gott so etwas zulassen?" Ich schaue vielmehr auf den gekreuzigten Christus, in dem Gott uns in unserem Elend ganz nahegekommen ist. Dazu noch ein anderer Gedanke: Das Kapitel 12 im Buch Jesaja beginnt mit den Worten: ,,Ich danke dir, Herr. Du hast mir gezürnt, doch dein Zorn hat sich gewendet, und du hast mich getröstet ..." Wer Gottes Liebe anzweifelt, sollte dieses Kapitel einmal lesen. Die Beter im Alten Testament jedenfalls wussten, dass Gottes Zorn uns wie ein ,,Sicherungsseil" vor dem Absturz in Gottlosigkeit und Hoffnungslosigkeit bewahren will. So sagt der Psalmist: ,,Sein Zorn dauert nur einen Augenblick, doch seine Güte ein Leben lang." (Psalm 30,6) Wer so beten kann, bei dem ist zwar nicht immer alles "okay", aber er ist heil und getröstet und kann mit den Worten des Chorals getrost singen: ,,Ist Gott für mich, so trete gleich alles gegen mich!" Allerdings: Leicht ist auch das nicht immer! Hans-Martin Stüber, Pfarrer im Ruhestand, Gerolstein