GLAUBE IM ALLTAG

Christen müssen Vorbilder sein! Das verlangen vor allem die, die selbst keine sind. Doch Christen sind Menschen mit vielen Fehlern und Schwächen.

Auch ich bin kein Albert Schweitzer, kein Pater Maximilian Kolbe und kein Dietrich Bonhoeffer. Oft wirken die Menschen arrogant, die sich für Vorbilder halten. Für mich gibt es nur ein einziges Vorbild, an dem ich mich in aller Schwäche zu orientiere: Jesus Christus. Christen (und Pfarrer) sollen Wegweiser zu diesem einzig wahren Vorbild und zu der Gnade und Liebe Gottes sein. Mehr nicht. Wegweiser sollen allerdings auch nicht den Weg versperren! Denn immer wieder wurde die Frohbotschaft zur Drohbotschaft: "Sei ein guter Christ, oder du landest in der Hölle!" Der Dichter Bert Brecht sagt: "Wir wär\'n gern gut, anstatt so roh. Doch die Verhältnisse, die sind nicht so!" Sie haben Recht, Herr Brecht! Aber nicht die Verhältnisse machen uns schlecht, sondern wir schaffen die schlechten Verhältnisse! Beim Lesen der Bibel wundert man sich, mit was für "miesen Typen" Gott etwas Gutes anfangen konnte. Da schwor zum Beispiel ein Jünger Jesu Stein und Bein, dass er im Ernstfall mit seinem Herrn in den Tod gehen würde. Als der Ernstfall da war, schwor er Stein und Bein, er habe mit Jesus nichts zu tun. Er wurde Botschafter Christi. Täglich neue Umkehr zu Gottes Liebe ist unsere einzige Chance. Aus Gnade und Barmherzigkeit bietet Gott uns ein gelingendes Leben an und will uns so zu nicht zu Vorbildern, sondern zu Wegweisern machen. Diese große Chance, keinen Zwang, bietet er den Kommunionkindern nicht nur am Weißen Sonntag und den evangelischen Konfirmanden nicht nur am Konfirmationstag an. Das ist das wertvollste Geschenk fürs ganze Leben! Wenn sich dann noch "Wegweiser" finden, deren Liebe auf Gottes Liebe hinweist: welch ein Glück! Hans-Martin Stüber, Pfarrer im Ruhestand, Gerolstein