Gott wird Mensch

Ich grüße Sie mit der Bibellosung aus Psalm 93,5: "Erhebet den Herrn, unsern Gott, betet an vor dem Schemel seiner Füße; denn er ist heilig."Der heilige Gott! So ist das Anbetungslied überschrieben.

Heilig bedeutet hier das Gefühl des Menschen: Wehe mir, ich muss; vergehen - ein unermesslicher Unterschied zwischen Gott und Mensch. Welch ein Unterschied zu den Heiden, die versuchten Gott als Götzen handlich zu machen!

Im chinesischen Buch der Wandlungen gibt es eine Szene, in der ein Weiser nach seiner höchsten und tiefsten Erkenntnis gefragt wird: "Nichts Heiliges!" antwortet er, der selbst als Heiliger verehrt wird. Im asiatischen Denken kann Nichts auch Alles bedeuten. Wenn alles heilig ist, gibt es keinen Unterschied zwischen Gott und Mensch. Gerechtigkeit, Güte und Vergebung werden normal. Leben retten, dem Leben dienen ist nichts Besonderes mehr. Achtsam mit kleinsten Dingen umgehen und das Ganze nicht aus dem Blick verlieren wird zur Gewohnheit. Geheimnisse werden offenbar und für Kinder verständlich. Was sonst kann es bedeuten, wenn die Bibel sagt: Gott wird Mensch! Gott wird Mensch in Jesus - Der Unterschied zwischen Gott und Mensch ist durch ihn überwunden. So habe ich Jesus noch nicht gesehen. Sollte ein heidnischer Denker dies besser verstanden haben als wir?

Viele können Gott heute nicht erkennen, weil sie sich zu tief bücken müssen, sagt die moderne Theologie. Glaube ist keine Feiertagsangelegenheit, sondern alltägliche Herzenssache. Sollten wir unser Leben unter diesem Aspekt neu betrachten?

Das Wort Demut ist religiös überfrachtet. In Wirklichkeit kommt Demut von "Diene - Mut". Mut, zu dienen, notwendige Dinge zu tun. Haben Sie den Muttertag unter diesem Aspekt gesehen? Dann haben Sie auch einen Grund, Danke zu sagen. Dank an Gott und die Mütter, die viele notwendige Dinge tun, die dem Zusammenleben dienen.

Friedebert Seibt, Pfarrer der evangelischen Gemeinde Prüm