Große Summen für ein wenig Abwasser

Große Summen für ein wenig Abwasser

Kostet die Kanalisierung von 17 kleinen Gemeinden zehn Millionen Euro, vielleicht sogar mehr? Eine Studie soll der Neuerburger Verwaltung dabei helfen, das Abwassernetz wirtschaftlich auszubauen. Welche Zusatzkosten auf die Bürger künftig zukommen, ist noch unklar.

Herbstmühle/Neuerburg. Leise plätschert der Gaybach durch den kleinen Ort Herbstmühle. Es ist das erste Dorf, das das etwa 23 Kilometer lange Gewässer auf seinem Weg durch den deutsch-luxemburgischen Naturpark bis in die Sauer passiert.
Um europäische Gewässer, also auch Gaybach und Sauer, zu schützen, hat die Europäische Union eine Rahmenrichtlinie auf den Weg gebracht. Diese bezweckt, die Nutzung des Lebensmittels in den Mitgliedsstaaten umweltverträglicher zu gestalten. Das bedeutet beispielsweise, dass Schmutzwasser nach bestimmten Kriterien gereinigt werden muss, bevor es in den Kreislauf zurückgeführt wird - beispielsweise über ein Kanalnetz oder über dezentrale Kleinkläranlagen.
In der Verbandsgemeinde Neuerburg sind 17 Ortsgemeinden und mehrere Einzelhöfe noch nicht an das Kanalnetz angeschlossen. Nach Angaben der VG betrifft das rund 400 Haushalte und 1250 Einwohner. Damit gehört die VG neben der Verbandsgemeinde Arzfeld und einigen Orten im Westerwald zu den einzigen Kommunen im Land, die noch nicht komplett an das Kanalnetz angeschlossen sind. Welche Lösung die beste ist, um den Gesetzen nachzukommen - Kanal oder Kleinkläranlage -, darüber wird in Neuerburg seit Jahren heftig diskutiert. Denn die Kanalisierung der Orte ist aufwendig und kostspielig. Die Dörfer liegen kilometerweit auseinander, teils in Tälern, teils auf Höhenrücken. Das bedeutet, dass Abwasser über weite Strecken geleitet werden und Pumpen installiert werden müssten, um Höhenunterschiede auszugleichen. Eine Studie des Instituts Ifas (Institut für angewandtes Stoffstrommanagement) am Umwelt-Campus in Birkenfeld soll Klarheit bringen (der TV berichtete). Nun stehen die Untersuchungen der Wissenschaftler kurz vor dem Abschluss.
Überraschende Tendenz


"Wir haben uns das alte Abwasserkonzept in den Orten angeschaut und aktualisiert", sagt Marco Angilella vom Ifas. "Wir haben berechnet, was der Kanal kostet, und was Alternativen sind." Die Tendenz, die sich in seiner Studie abzeichnet, habe ihn selbst überrascht: "Es gibt zwar Orte, in denen ein Kanal wirtschaftlicher ist", sagt Angilella. Doch bei Orten mit weniger als 30 Einwohnern sei eine dezentrale Lösung tendenziell günstiger. Davon wären fünf der 17 nicht angeschlossenen Dörfer betroffen. Für welche Lösung sich die Verwaltung aber entscheide, hänge davon ab, ob die Differenz bei den Kosten auch groß genug ist. "Dezentrale Lösungen bedeuten mehr Aufwand", sagt Angilella. Schließlich müssten Kleinkläranlagen regelmäßig kontrolliert und entleert werden. Ob Kanal oder Kleinkläranlagen: Wie viel Geld die Verbandsgemeinde Neuerburg ins Abwasser investieren muss, steht noch nicht fest. Ob die etwa zehn Millionen Euro, über die gesprochen wird, ausreichen, ist nicht klar. Denn diese Kostenberechnung beruht auf einem Modell von 2003. Am 13. Februar soll der Werksausschuss über die Studie aus Birkenfeld beraten. "Wir können das noch nicht abschätzen, weil uns die Studienergebnisse noch nicht vorliegen", sagt Hermann Hermes, Chef der Neuerburger Werke. Es sei jedoch mit einer Erhöhung der Abwassergebühren zu rechnen. Zurzeit zahlt ein Vier-Personen-Haushalt in Neuerburg etwa 620 Euro pro Jahr für Abwasser. Dennoch legt Hermes großen Wert darauf, in der Sache zügig voranzukommen. "Ziel ist es, die Erstausstattung bis Ende 2015 abzuschließen." Denn nur dann werde die Investition zu 50 Prozent vom Land übernommen werden. Die andere Hälfte stelle das Land als zinsloses Darlehen zur Verfügung.Meinung

Bittere Pille für die Bürger
Die 17 Dörfer, in denen die Verwaltung viel Geld in Kanal oder Kläranlagen investieren muss, sind zum Teil Kleinstgemeinden. Wenn man einer aktuellen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung Glauben schenken darf, werden einige von ihnen in den kommenden Jahrzehnten ausbluten, weil sie mehr als 20 Fahrminuten von der nächsten großen Stadt entfernt liegen. Das bedeutet, dass die hohen Kosten, die durch die Kanäle und Kläranlagen entstehen, in Zukunft von immer weniger Bürgern getragen werden müssen. Macht es vor diesem Hintergrund wirklich Sinn, Millionen in das Abwassersystem der betroffenen Ortschaften zu investieren? Die Gesetzeslage lässt der Verbandsgemeinde offenbar keine andere Wahl. Das ist bitter für eine VG, die so hoch verschuldet ist wie Neuerburg. Und man muss sich fragen, ob man hier nicht eine Ausnahmeregelung hätte treffen können. sl.gombert@volksfreund.deExtra

Die dünne Besiedlung im Neuerburger Land und das schwierige Landschaftsprofil bedeutet für die Abwasserwirtschaft eine große Herausforderung. Das weiß auch das Umweltministerium. "Wir wollen die Belastung für die Menschen angesichts der demografischen Entwicklung möglichst verträglich gestalten", sagt die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Grüne). Den Wasserwerken sollen weitere Spielräume gegeben werden, damit der Bau von Kleinkläranlagen unterstützt werden könne. In den vergangenen 20 Jahren habe die Verbandsgemeinde Neuerburg mehr als 34 Millionen Euro Zuwendungen im Bereich Abwasser bekommen.slgExtra

Die 17 Ortsgemeinden ohne Kanal in der Verbandsgemeinde Neuerburg: Affler (28 Einwohner), Ammeldingen an der Our (10), Bauler (69), Berscheid (60), Burg (16), Fischbach-Oberraden (73), Heilbach (131), Herbstmühle (30), Keppeshausen (21), Leimbach (60), Muxerath (58), Nasingen (49), Scheitenkorb (34), Scheuern (43), Waldhof-Falkenstein (34), Zweifelscheid (42). Außerdem sind etwa 140 Einzelanwesen bislang nicht an die Kanalisation angeschlossen. slg

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