Gutachter: Angeklagter vermindert schuldfähig

Trier/Hallschlag · Für lediglich "vermindert schuldfähig" hält der psychiatrische Sachverständige den 21-Jährigen, der seinen Onkel mit einem Messer lebensgefährlich verletzt haben soll. Im Prozess vor dem Landgericht Trier attestiert der Gutachter dem Angeklagten eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung.

Trier/Hallschlag. Kaum eine Gefühlsregung ist auf dem Gesicht des jungen Mannes auf der Anklagebank auszumachen. Mit vollkommen ausdrucksloser Miene verfolgt er am Mittwoch seinen Prozess vor dem Trierer Landgericht. Dabei geht es für den 21-Jährigen um viel: Wegen versuchten Mordes ist er angeklagt, er könnte zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt werden.
Ende Februar soll er seinen 55-jährigen Onkel, mit dessen Tochter er verlobt ist, von hinten und damit heimtückisch mit einem Messer angegriffen und dabei lebensgefährlich verletzt haben. Der Angeklagte behauptet, von vorne zugestochen zu haben (der TV berichtete). Eine Version, die im Widerspruch steht zu dem, was seine Verlobte im März vor einem Richter ausgesagt hat. Doch selbst, als gestern eben jener Richter - der Direktor des Amtsgerichts Prüm, Franz-Josef Triendl - die Aussage der Verlobten wiederholt, nach der der 21-Jährige in der Tat von hinten zugestochen haben soll, verzieht der Angeklagte keine Miene.
Hinter der coolen Fassade des Angeklagten scheint es jedoch gelegentlich zu brodeln. Als "impulsiv, emotional instabil, aufbrausend und übermäßig eifersüchtig" beschreibt ihn der psychiatrische Sachverständige Dr. Michael Schormann. Der 21-Jährige habe nur ein eingeschränktes Repertoire, mit Streitsituationen umzugehen und habe sich zur Tatzeit in einer akuten Belastungssituation befunden: Der Versuch, dem Konflikt mit dem Onkel wie üblich durch Flucht zu einem Kumpel zu entkommen, sei gescheitert, weil er diesen Kumpel nicht erreichte; zudem soll der Onkel zum Schlag gegen die Verlobte ausgeholt haben - zu viel für den Angeklagten, ist Schormann überzeugt: Dies alles habe zu einer "affektiven Erschütterung" des 21-Jährigen geführt, die zusammen mit dem übermäßigen Alkoholgenuss eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung ausgelöst habe. Der Alkohol allein - so der Sachverständige - habe nicht zu dieser Störung geführt: Dieser habe den an Alkohol gewöhnten Mann lediglich enthemmt. In Kombination mit der affektiven Erschütterung sei aber von einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung und damit von einer verminderten Schuldfähigkeit auszugehen.
Ausführungen, die am Mittwoch zu kritischen Nachfragen führen: Während Richter und Staatsanwaltschaft sich verwundert darüber zeigen, dass der 21-Jährige im Affekt gehandelt haben soll, kann sich Verteidiger Roderich Schmitz kaum vorstellen, dass nicht auch der hohe Blutalkoholgehalt seines Mandanten allein eine verminderte Schuldfähigkeit begründet.
Ob und wie die Prozessbeteiligten die Einschätzungen des Gutachters berücksichtigen, wird sich am 19. Oktober zeigen: Dann werden die Plädoyers gehalten.

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