Heimat wird im Alter wieder wichtiger

Vom Wirtschaftsministerium in die Wirtschaft und zurück zur Natur: Der gebürtige Wittlicher Hans Friderichs war Bundeswirtschaftsminister und anschließend Chef der Dresdner Bank. Heute will er in Schalkenmehren die ursprüngliche Kulturlandschaft rund um die Dauner Maare retten.

Daun/Mainz. Das Arbeitszimmer liegt mitten in der Mainzer Altstadt, versteckt und ruhig in einem Innenhof. Der einstige Stadtsitz der Grafen zu Leinigen wirkt mit mittelalterlich-modernem Ambiente wie ein Refugium und ist doch eine geräuschlos funktionierende Machtzentrale, in der Hans Friderichs (76) agiert. Der Weitblick des Mannes wird geschätzt. Denn Friderichs gehört zu den wenigen Politikern, die den Sprung in die Wirtschaft wirklich geschafft haben.Der frühere Bundeswirtschaftsminister und ehemalige Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank empfängt Besucher in einem Zimmer, das einem lichten Pavillon ähnelt. Als das Telefon läutet, gibt er wichtige Direktiven — ohne jegliche wichtigtuerische Attitüde, die weniger einflussreiche Manager gern pflegen. Friderichs, kurz zuvor zum Aufsichtsratsvorsitzenden von Adidas berufen, legt auf und greift den Gesprächsfaden wieder auf, der sich um die eigene Stiftung in der Eifel dreht: Sie ist ihm mindestens so bedeutsam wie der Konzern. "Im Alter wird die Heimat wieder wichtiger", sagt ein Mann, der viel durch die Welt gejettet ist.In Schalkenmehren will er mit seiner Frau Erika die ursprüngliche Kulturlandschaft rund um die Dauner Maare retten. Wegen knapper Kassen "ist in dem Naturschutzgebiet nicht viel passiert". Dies sollen Stiftungserträge auf "ewig" ändern: Es werden Streuobstwiesen mit alten Sorten angelegt. Das Trockenmaar entwickelt sich wieder zum Paradies für Wasservögel. Dabei ist es Friderichs wichtig, dass Bürger an drei Samstagen im Jahr freiwillig anpacken, "damit sie ein Gefühl für die sie umgebende, außergewöhnlich schöne Kulturlandschaft entwickeln" und die Stiftung nicht für einen Spleen halten. Friderichs hat auch Schäfer dafür gewonnen, dass auch Ziegen die Landschaft offen halten. Sein stiller Lohn: Er sieht, wie schnell sich die Natur erholt und sich wieder der für diese Landschaft typische Trockenrasen ausbreitet.In der Eifel atmet der vielbeschäftigte, aber so ausgeglichen wirkende Manager ("bin heute Herr des eigenen Terminplans") tief durch. Im nicht weit von den Maaren entfernten Hontheim widmet er sich seit 30 Jahren auch einem naturnahen Waldprojekt. Liebe zur Natur liegt in den Genen

Der Aufbau eines neuen kleinen Forstbetriebes war mühsam, und es dauert lange, ehe ein neu aufgeforsteter Wald Erträge abwirft. Auch durch die größere Nachfrage nach Holz und die dadurch gestiegenen Preise ist die Verlustphase überstanden. Die Liebe zur Natur hat der Wahl-Mainzer in den Genen, wie er meint. Mütterlicherseits stammt er aus einer alten Försterfamilie. Er genießt es, dass der Wald ihm nach Terminhetze ein Gespür "für andere Zeitdimensionen" gibt.Friderichs, den Journalisten als Bundeswirtschaftsminister auch "Nebenkanzler" nannten, hat es nicht in die hauptberufliche Politik gedrängt. "Bevor ich 50 werde, höre ich auf", hat er denn auch Hans-Dietrich Genscher erklärt, als der ihn von Mainz in die FDP-Bundeszentrale holte. Rückblickend nennt er seine gestalterische Zeit als Bundeswirtschaftsminister aber doch als die für ihn spannendste. Denn Wirtschaftspolitik ist für ihn "in erster Linie Gesellschaftspolitik". An die Ära an der Spitze der Dresdner Bank denkt er trotz des wirtschaftlichen Erfolgs mit gemischten Gefühlen zurück: Die Familie musste mit der Angst vor RAF-Terror leben.Seit sich Friderichs als Unternehmensberater selbstständig gemacht hat, wächst die Liste der Aufsichtsratsmandate: AEG, Sanierung von Coop, Privatisierung der Ex-DDR-Unternehmen Minol und Leuna, Postbank, Leica, Airbus, Kupferberg, Schott und jetzt wieder Adidas. Bis Mitte 2009 will er einen Nachfolger aufbauen. Stolz nennt er die Erfolge, die für ihn den bereits 2001 erwarteten Aufwärtstrend markieren. Der Sportartikelhersteller macht jetzt mehr als zehn Milliarden Euro Umsatz und bietet Nike verstärkt Paroli. Gönnt sich der begeisterte Rennradfahrer denn gar keine Ruhe? "Doch seit dem 75. Geburtstag arbeite ich freitags nicht mehr." Ein Blick auf die Ämter zeigt, dass er an den übrigen Tagen umso konzentrierter gefordert sein muss. Ehrenamtlich liegt Friderichs — neben der Stiftung seiner Heimatstadt Wittlich — die Mainzer Universität am Herzen. Er begleitet sie als Vorsitzender von Hochschulrat und -kuratorium. Ein anderes Amt stürzt den Sanierer von Unternehmen in ungeahnte Turbulenzen, seit er auf Drängen von Ex-Kulturminister Jürgen Zöllner (SPD) einen Sitz im Vorstand der "Stiftung Arp Museum Bahnhof Rolandseck" übernommen hat. Die aktuelle und eskalierende Vorgeschichte um Geld, Güsse und selbst ernannte Gralshüter hat er lange von außen beobachtet. Schmunzelnd erinnert er sich aber an einen gewissen Grundstein, den er vor Jahrzehnten legte. Denn Ende der 60er-Jahre wollte der damalige Ministerpräsident Helmut Kohl unbedingt den Bahnhof Rolandseck kaufen. Aber Finanzminister Hermann Eicher (FDP) stellte sich beharrlich quer, ließ sich auch von Friderichs nicht umstimmen. Als sich Mercedes im pfälzischen Wörth ansiedeln wollte, sah Friderichs die Gunst der Stunde, die Landeskasse zu schonen und doch den Kulturbahnhof retten zu können. Denn die Bahn begehrte für den Anschluss in Wörth ein Gelände im staatlichen Wald. Dafür war Friderichs als Staatssekretär im Forstministerium zuständig. Also fädelte er zwischen Wörth und Remagen einen Geländetausch ein. Seine Fantasie und Erfahrungen dürften jetzt mehr denn je gefragt sein — wohl ebenso sein Draht zu Sponsoren.Zur Person Hans Friderichs, im Oktober 1931 in Wittlich als Sohn eines Landarztes geboren, hat Jura studiert, aber im Fach Volkswirtschaft promoviert. Seine Laufbahn beginnt er als Manager der Industrie- und Handelskammer für Rheinhessen. Hans-Dietrich Genscher holt ihn in die FDP-Bundesgeschäftsstelle. Friderichs wird 1964 sein Nachfolger. 1965 zieht er in den Bundestag ein, nimmt aber 1969 das Angebot des damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl an, als Staatssekretär ins Mainzer Ministerium für Landwirtschaft, Weinbau und Forsten zu wechseln, obwohl er auch in Bonn beste Karriere-Chancen hat. 1972 wird er als Wirtschaftsminister ins Kabinett Brandt/Scheel berufen. 1977 wechselt er aus der Politik in die Wirtschaft und übernimmt als Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank die Nachfolge des ermordeten Jürgen Ponto. Heute engagiert er sich als freiberuflichen Berater: