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Herr Schneider macht Urlaub

Herr Schneider macht Urlaub

Es riecht nach Nerzöl, schmeckt nach Rind und fühlt sich an wie Ferien auf dem Bauernhof: Im Hundesalon Bellness und Harmony von Sabine Bares machen Vierbeiner Urlaub für alle Sinne. Der TV war dabei und hat nicht nur Herrn Schneider kennen gelernt, sondern auch von einem Hund erfahren, der nie wieder eine Pfote in den Bellness-Salon setzen wird.

Herforst. Herr Schneider zetert, strampelt und quiekt. Als das Wasser aus dem Duschkopf über seinen Kopf plätschert, versucht der alte Herr aus der Badewanne zu hüpfen. Zwei Hände fangen ihn sanft wieder ein, massieren Shampoo in sein langes Fell. Sauber, aber immer noch etwas grimmig schauend wird Herr Schneider aus der Wanne gehoben und mit einem Handtuch trocken gerubbelt.
Er duftet nach Nerzölshampoo. Das brennt nicht in den Augen, fettet nicht und trocknet die Haut nicht aus. Herr Schneider ist Amerikaner und das schon 15 Jahre lang - 15 Hundejahre. Er ist einer der Senioren im Hundesalon Bellness und Harmony von Sabine Bares in Herforst. An diesem Tag werden außer ihm noch drei weitere Pflegehunde frisiert: Max, Herr Schneiders Bruder Shangs und noch mal Max, der aber, ebenfalls ein echter Amerikaner, Mäx gerufen wird.
Herr Schneider heißt eigentlich nur Schneider. Seine Herrchen arbeiten auf der Air-Base in Spangdahlem. Seit letztem Jahr bringen sie ihre beiden Shizus zu Sabine Bares. Bares hat ihm den Spitznamen "Herr Schneider" gegeben. Schneider und Shangs werden hier nicht nur gewaschen, geschnitten und gepflegt. Wenn Herrchen und Frauchen in Urlaub sind oder in die Heimat reisen, machen die beiden All-Inklusive-Urlaub im Bellness-Hotel. Inklusive ist hier nicht nur die intensive Fellpflege, sondern auch Unterkunft, regelmäßige Spaziergänge, Toben im Garten mit dem elfjährigen Sohn der Hundesalon-Betreiberin, ausgewogene Mahlzeiten und natürlich nette Gesellschaft.
Bis zu sechs Hunde hat Sabine Bares regelmäßig in Pflege, inklusive ihrer beiden eigenen. Baden tun sie alle nicht gerne, da ist Herr Schneider keine Ausnahme. Ein Großteil der Hunde, die zu Bares kommen, sind Shizus, Westhighlandterrier und Pudel. Meistens gehören sie zu amerikanischen, niederländischen oder luxemburgischen Familien. Aber auch deutsche Hunde zählen zu den Kunden der Hundefriseurin. Verständigungsprobleme gibt es keine. "Wenn sich zwei Hunde mal nicht riechen können, dann wohnt der eine eben im Wohnzimmer und der andere in der Küche", sagt Bares. Im All-Inklusive-Paket ist bei Übergewicht auch eine Diät enthalten. Auch Herr Schneider musste auf seine alten Tage abspecken. Während Herrchen und Frauchen die Weihnachtstage genossen, gab es für Herrn Schneider nur Pute mit Reis. "Sein Bauch hing bis auf den Boden, da musste ich etwas tun." Über die Osterferien ist er wieder in Hundeferien bei Sabine Bares. Seine Pflegemutter ist stolz auf ihn: "Er hat seine Form gehalten."
Sie hat ihr Herz an die Hunde verloren und das muss sie auch. Morgens um sechs quengeln die ersten und verlangen nach ihrer frühmorgendlichen Runde durch den Wald. Nach dem Frühstück beginnt dann der Salon-Betrieb. Etwa vier Hunde frisiert Bares jeden Tag. Und das seit 20 Jahren. "Ich bin damit groß geworden. Meine Tante hat auch einen Hundesalon in Köln, von ihr habe ich das Handwerk gelernt." Die Pension betreibt sie seit vier Jahren. "Viele Hunde kamen verfilzt und ungepflegt aus Pensionen zu mir in den Salon. Das hat mich so geärgert, dass ich selbst eine Pension aufgemacht habe." Seitdem flitzen bis zu acht Hunde durch ihr altes Bauernhaus und den großen Garten.
Nur ein Hund wird wohl nie wieder eine Pfote in das Bellness-Hotel setzen. Dieser Hund verließ den Salon kahl geschoren. Wenn Bares heute davon erzählt, muss sie lachen. "Die Frau hat den Hund zu mir gebracht und wollte, dass ich ihn kahl schere." Das tat sie dann auch. Erst als die Dame wieder zurückkam, rückte sie mit der ganzen Wahrheit raus. Sie sagte: "Diesen Hund werden Sie wohl nie wieder sehen, denn das ist nicht meiner. Das ist der Hund meiner Nachbarn und er ärgert immer meine Papageien." Da war die Hundeliebhaberin erst einmal geschockt. "Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, aber ich konnte dem armen Tier ja schlecht sein Fell wieder ankleben." Logisch, dass Sabine Bares in der langen Zeit schon so einige schöne, skurrile, aber auch traurige Situationen erlebt hat.
Die französische Bulldogge Emma mit ihren Glubschaugen und ihren Fledermausohren ist der Hundefreundin besonders in Erinnerung geblieben. Sie wohnte zweieinhalb Monate mit Familie Bares unter einem Dach, während ihr Herrchen beruflich unterwegs war. "In so einer langen Zeit gewöhnt man sich natürlich aneinander." Der Abschied nach dieser langen Zeit fiel schwer. Bevor Emma ins Auto sprang, lief sie noch einmal zu ihrer Pflegemutter zurück und leckte ihr über die Hand. Als Sabine Bares von der glubschäugigen Bulldogge erzählt, schaut sie etwas traurig. Aber nur für einen kurzen Moment, denn die schlanke dunkelhaarige Frau ist ein fröhlicher Mensch."Ich liebe diesen Job über alles und könnte mir nichts anderes mehr vorstellen." Und die Hunde lieben sie. Manche sind bei ihren ersten Aufenthalten noch etwas skeptisch, aber "nach zwei, drei Besuchen merken die Tiere schnell, dass es ihnen hier gut geht, und freuen sich, wenn sie zu mir kommen."
Sonderwünsche, wie der kahlgeschorene Hund, werden im Hundesalon Bellness und Harmony nur selten geäußert. "Die meisten wollen einfach nur, dass es ihren Tieren gut geht, und die Amerikaner wollen meistens noch ein Schleifchen im Fell."
Herr Schneider verlässt den schwarzen Frisiertisch an diesem Tag ohne Schleifchen. Sobald er die lästige Dusche hinter sich gebracht hat, genießt der agile Senior die Zeremonie. Genüsslich reckt er seinen Kopf in die Höhe, als seine Pflegemutter ihm das buschige Fell trocken föhnt. Als sie ihn mit der Bürste kämmt, räkelt er sich zufrieden grunzend und gähnt ausgiebig. Auch als die Hundefriseurin ihm ein paar Härchen, die ihm in die Augen hängen, abschneidet, bleibt er ruhig sitzen.
Zum krönenden Abschluss besprüht sie ihn mit einem Pflegespray, das dezent nach Blumen duftet. Die Verpackung verspricht höchste Pflegestufe: "Das Hunde-Pflege-Spray durchzieht das Haar mit einem brillanten Glanz und verbleibt im Haar." Aus dem etwas grimmig dreinschauenden Senior ist ein wohlriechendes, fluffiges Fellknäuel geworden, das seine Pflegemutter erwartungsfroh anblickt und mit dem Schwanz wedelt. Natürlich, die Belohnung hätte Sabine Bares niemals vergessen. Mit einem Haps hat Herr Schneider das Leckerli verschlungen.Extra

Dinge tun, die nicht jeder tut. Zu Orten vordringen, die den meisten verschlossen sind. Menschen treffen, die nur wenige treffen. Fragen stellen, die sonst keiner stellt. Für all das nehmen wir uns jeden Samstag auf der zweiten Seite des Lokalteils Zeit und Raum. An dieser Stelle präsentieren wir immer eine große Geschichte. Das kann mal eine Reportage, mal ein Porträt, mal ein Interview sein. Immer ist es aber Lesestoff, der die Zeitung am Wochenende noch interessanter macht.lars