Heulen für den Einsatz

Noch heute sind in der Verbandsgemeinde Prüm 70 ehemalige Luftalarmsirenen betriebsbereit. Dann und wann springen sie sogar an und verunsichern damit manchen Eifeler. Wie soll man sich verhalten? Die Flucht ergreifen muss niemand mehr. Das Signal richtet sich heute nur noch an Mitglieder der freiwilligen Feuerwehren.

Prüm. Es geht unvermittelt los: Ein kurzes Stottern, als müsse das Gerät erst noch nach Luft ringen, dann schwillt ein unüberhörbares Heulen der Sirenen an. Mehrere Minuten wird der Ton mit zwei kleinen Unterbrechungen gehalten. Ebenso plötzlich, wie sie anspringen, schweigen die grauen Geräte wieder, die in vielen Orten auf Dächern meist öffentlicher Gebäude stehen.Wie im Zweiten Weltkrieg


Was bleibt, ist oft Ratlosigkeit, weiß doch kaum jemand mehr, was die Signale eigentlich bedeuten sollen. Ein Probealarm? Ein Ernstfall? Wie soll man reagieren? Besonders älteren Menschen geht das Heulen durch Mark und Bein. Sie erinnert das Signal an Momente im Zweiten Weltkrieg, als mit sogenannten Fliegeralarmen Luftangriffe angekündigt wurden.
Peter Hillen, Abteilungsleiter im Ordnungsamt der Verbandsgemeinde (VG) Prüm, weiß zu beruhigen: "Es muss sich niemand mehr sorgen. Richtig ist, dass die Geräte einmal zu einem bundesweiten Sirenennetz gehörten. Im Katastrophenfall sollten darüber die Bürger gewarnt werden. Dann wurde das zentrale System aber nach Ende des Kalten Krieges aufgegeben und die Anlagen von den Gemeinden übernommen."
Das Resultat: Jede Kommune kann seit dem Abbau des zentralen Netzes im Jahr 1993 selber entscheiden, wie sie mit dem System umgeht. "Manchen war es zu teuer, sie bauten es ab, andere nutzen es heute noch für Alarme bei Katastrophen. In der VG Prüm wiederum dienen die Sirenen zur Alarmierung der freiwilligen Feuerwehren", sagt Hillen. "Wir haben nur noch ausschließlich Feuerwehrsirenen. Wenn Sie die Sirenen hören und nicht Mitglied der freiwilligen Feuerwehr sind, brauchen Sie sich also im Grunde nicht angesprochen fühlen", sagt er.70 aktive Sirenen


Dabei ist es nicht unwahrscheinlich, von einem vermeintlichen "Luftalarm" aufgeschreckt zu werden. "Wir haben in der VG noch 70 aktive Sirenen. Auch in Prüm gibt es eine Anlage auf dem Dach der Grundschule. Sie wird hier aber eigentlich nicht mehr genutzt", sagt VG-Wehrleiter Alexander Thiel. Alle seien nach Auflösung des zentralen Netzes von den Wehren übernommen worden, um im Alarmfall die Feuerwehrleute zu rufen.
So sprang beispielsweise am Sonntag vor der Karwoche in Schönecken um kurz vor neun Uhr am Abend die Sirene an. "Ein Kaminbrand - während die Feuerwehr Prüm über Funk gerufen wurde, alarmierte die Sirene zusätzlich die Wehrleute vor Ort", sagt Manfred Schuler von der VG Prüm. Viele Wehrleute seien zwar mit Funkmeldeempfängern - im Volksmund als Piepser bezeichnet - ausgestattet, um aber tatsächlich jeden verfügbaren Mann schnell zu erreichen, werde zusätzlich mit den Sirenen auf einen Einsatz hingewiesen.
Unterschiedliche Signaltöne wie in Zeiten des Kalten Krieges(siehe Extra) würden dabei aber nicht mehr genutzt, sagt Alexander Thiel. "Es gibt nur noch einen Alarm - ein lang gezogener Ton, der zweimal unterbrochen wird." Damit würden alle Wehrleute aufgefordert, zum Gerätehaus zu kommen.
Die freiwilligen Feuerwehren können also auf ein zwar altes, aber bewährtes Alarmsystem setzen, aber wie sieht es mit den Eiflern aus? Wer warnt sie im Katastrophenfall? "Diese Frage stellt man sich im Bund mittlerweile auch wieder und sucht eine Alternative", sagt Schuler. Der Bund und viele Länder setzen auf ein satellitengestütztes Warnsystem, um bei drohenden Katastrophen, Unglücken oder auch im Verteidigungsfall zu warnen. Allerdings werden die Bürger dabei nicht direkt informiert, sondern über Radio- und Fernsehstationen, Internetanbieter oder Presseagenturen (der TV berichtete). Rheinland-Pfalz hat dieses System zudem noch nicht überall in Betrieb. Je nach Kreis werden unterschiedliche Warnsysteme genutzt - allen ist hier aber auch gemein, dass die Einwohner nicht direkt informiert werden.Extra

Bereits während des Zweiten Weltkriegs warnten in vielen Städten und auch auf dem Land Sirenen die Menschen vor drohenden Luftangriffen. Mitte der 1950er Jahre wurden schließlich in ganz West-Deutschland der Zivilschutz neu organisiert und ein bundesweites Sirenennetz aufgebaut. Zehn Warnämter konnten die Sirenen auslösen. Der ehemalige Fliegeralarm aus dem Zweiten Weltkrieg wurde in Luftalarm umbenannt, weil während des Kalten Kriegs die Bedrohung durch Raketenbeschuss wuchs. Bis Anfang der 1990er Jahre warnte man mit einer Minute Heulton vor Angriffen - seit Mitte der 1970er Jahre wies dieses Signal auch auf Katastrophenfälle hin. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs schien das System nicht mehr nötig, und der Bund trennte sich von den Sirenen. Seitdem haben die Gemeinden den Betrieb und die Wartung übernommen. aff