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Hier brummt der Bär, dort glüht der Großvater

Hier brummt der Bär, dort glüht der Großvater

Rund 40 selbsternannte Schamanen gibt es in der Eifel. TV-Redaktionsmitglied Christian Altmayer hat zwei von ihnen getroffen. Gerechnet hat er mit Hokus-pokus - doch was er dort erlebt hat, vor allem in der Schwitzhütte, hat ihn dann doch überrascht.

"Chaaaaaa, Poh!", zischt Marcel Lauer in mein Ohr. Dann beginnt er einen Rundgang um die Liege. Er wispert Worte in einer fremden Sprache. Ich höre seine Schritte, das Knarzen des Holzes unter den Füßen. Sehen kann ich ihn nicht. Ich liege da, auf dem Rücken, die Arme am Körper, meine Augen verbunden. In der Luft hängt der Geruch von Weihrauch - oder nein, von weißem Salbei. Das hat Lauer mir erklärt, vor meiner Behandlung in seiner Gartenhütte. Der Rauch der Pflanze soll meinen Geist reinigen, die Zeremonie meine Seele wieder in Balance bringen - was auch immer das heißen mag.

Lauer wohnt in Balesfeld und er ist ein schamanischer Heiler, zumindest behauptet er das. Ich bin durch seine Internetseite auf ihn aufmerksam geworden - dort nennt er sich selbst "humming bear", auf Deutsch: brummender Bär. Und ein bisschen sieht er auch aus wie einer: Er ist kräftig und groß, hat lange Haare und Bart. Online bietet er Dienste wie die "Abspaltung von Seelenanteilen" an. Ich bekomme heute nur die "normale Behandlung", wie er es nennt. Dauer: etwa eine Dreiviertelstunde, Kostenpunkt: 60 Euro.

"Ohhhhhhhhhhh" - ein langgezogenes Heulen. Es klingt wie ein Didgeridoo, kommt aber offenbar aus Lauers Mund. Plötzlich legt er seine Hände auf meine Brust - sie sind riesig, warm, schwitzig. Ich würde sie am liebsten abstreifen und aus der Hütte gehen. Er atmet ein und wieder aus - tief und rasselnd. Seine Hände wandern runter zu meinem Bauch. "Poh", ruft er, und wieder: "Poh!". Dann nimmt sie endlich weg, die Bärenpranken. Seine Schritte entfernen sich wieder von der Liege. Ich höre etwas klackern. Einen Moment später: "Bumm!", eine Trommel vibriert direkt über meinem Bauch. Und wieder: "Bumm". Eine Weile geht es so weiter - wie lange, kann ich nicht sagen. Im Dunkeln verliert man das Zeitgefühl. Ich könnte eine Stunde hier liegen, vielleicht aber auch bloß zehn Minuten.

Ein Besuch vom Krafttier?

Irgendwann zieht er mir die Augenbinde vom Gesicht. Ich muss die Lider zusammenkneifen - die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien fallen, blenden mich. Als ich von der Liege aufstehe, fühle ich mich benommen, wie nach einer Achterbahnfahrt. Und Plötzlich, aus dem Nichts, eine Erinnerung: Kurz vor Ende der Zeremonie habe ich etwas Pelziges an meinem Arm gespürt. "Was war das?", frage ich Lauer. Er zuckt mit den Achseln. "Manche fühlen auch mehr Hände, als ich habe", sagt er und grinst. Ich schaue mich in der Gartenhütte um und sehe nur die Liege, die Trommeln, die Lampe. Das war's: nichts Pelziges weit und breit. "Vielleicht war es ja mein Krafttier?", frage ich Lauer und muss lachen. "Könnte sein", sagt der brummende Bär ohne eine Mine zu verziehen. Viele Schamanen glauben an diese Geistwesen, die einem Menschen auf Schritt und Tritt folgen.

Vier bis sechs Wochen könne die Behandlung nachwirken, warnt er mich. Das ist nun schon mehr als einen Monat her und passiert ist nichts mit mir - Besuch vom Krafttier hatte ich auch keinen mehr.

Schamanismus als Hobby

Aber Lauer ist ja auch kein Profi, kein "Vollzeitschamane", wie er selbst sagt. Hauptberuflich gibt er Seminare für Schüler in Luxemburg zum Thema Internet-Sicherheit. Das sei seine "zweite Leidenschaft", sagt er, "Computer". Nach dem Klangritual habe ich noch weniger als zuvor das Gefühl, dass ich verstehe, was ein Schamane eigentlich macht. Das heißt: Dieser Selbstversuch ist noch nicht zu Ende. Höchste Zeit, einen "Vollzeitschamanen" aufzusuchen. Doch wo bekommt man auf die Schnelle einen her? Wieder werde ich im Netz fündig. Ich stoße auf den Beuerhof in Üxheim, im Vulkaneifelkreis - "ein schamanisches Zentrum", wie es auf der Website heißt. Es liegt abseits des Weges, auf einer Lichtung im Wald. Geleitet wird es von Dieter Scholz.

Ab in die Schwitzhütte

Wieder sitze ich in der Finsternis. Zusammengekauert hocke ich in einer Ecke zwischen all den anderen, die ich nicht sehen kann. Ich höre sie atmen, manchmal wimmern, manchmal weinen. Wir sind insgesamt 17 in dieser kleinen Hütte. In der Mitte, keinen Meter von meinen Füßen entfernt, liegt ein glühender Haufen Steine. "Unsere Großväter", nennt Scholz sie. Sie glimmen, funkeln, zischen. Und sie sind heiß, sehr heiß.

Meine Boxershorts klebt an meinen Schenkeln. Sonst trage ich nichts. Der Schweiß tropft mir von der Stirn, läuft meinen Körper herab - salzig schmecke ich ihn auf den Lippen. Der Schweiß ist es auch, der dieser Zeremonie ihren Namen gibt: Schwitzhütte. Scholz sagt: "In die Hütte gehen, das ist wie in den Schoß von Mutter Erde zurückkriechen."

Und so muss es auch bei ihm gewesen sein - Scholz krabbelte aus seiner ersten vor rund 23 Jahren, jedenfalls als neuer Mensch heraus, sagt er. Zuvor sei er Geschäftsmann gewesen, betont er - arbeitete für Werbeagenturen, gab Modezeitschriften heraus. Und das mit Erfolg. Heute folge er dem "Indian Way of Life", also dem "Weg der Indianer". Und ein bisschen sieht er auch aus wie einer: die langen Haare, das schmale Gesicht, der bunte Überwurf. Ausgebildet wurde er von einem echten amerikanischen Ureinwohner: Archie Fire Lame Deer, inzwischen verstorbener Medizinmann der Lakota. Von dem, was er zusammen mit seinem Mentor erlebt hat - in Deutschland, aber auch bei seinen Reisen durch die USA - erzählt der 79-Jährige in der Hütte.

Ich sehe die Indianer durch die Prärie reiten, ums Feuer tanzen, ihren Federschmuck im Wind flattern. Sie singen "Aeeeohhhh" - und alle in der Hütte stimmen mit ein, obwohl kaum jemand in der Gruppe die Lieder kennt: Nicht die Rentner, nicht die Studenten und schon gar nicht die Manager - okay, vielleicht der Hippie, der ein bisschen aussieht wie Jesus. Kennengelernt habe ich sie alle an diesem Tag - beim Holzstapeln, Feuermachen und beim Aufbau der Schwitzhütte. Es ist eine Art improvisiertes Zelt aus Weidenzweigen, verhangen mit mehreren Lagen von Decken. Der gemeinsame Aufbau gehört auch zum Seminar.

Scholz schlägt, während wir singen, auf die Trommel. Der Schweiß läuft, die Steine glühen. Aus einem Trinkhorn kippt er Wasser über die Vulkanbrocken. Es zischt, wie heißes Fett in der Pfanne, und eine Wolke steigt auf, die mir den Atem nimmt. Meine Finger sind schrumpelig vom Dampf - so als ob ich in der Badewanne eingeschlafen wäre. Ich wippe hin und her, aber es gibt kein Entkommen vor der Hitze. Ich will raus und will doch drinbleiben. Überall in meinem Körper beginnt es zu kribbeln. Bald wird die Tür wieder aufgehen, denke ich. Bald. Denn es passiert immer dann, wenn ich denke, ich halte es nicht mehr aus - die stickige Luft, das Tanzen der Lichter auf der Netzhaut. Und tatsächlich: Ein kühler Windhauch streift meine Haut: Diese Runde wäre geschafft.

Waren es die Spirits?

Es ist schon die dritte. Eine Zeremonie auf dem Beuerhof besteht aus vier. Wie lange sie dauern? Zu lange, finden einige. Etwa die Hälfte der Teilnehmer ist schon herausgekrochen - wortlos, auf allen Vieren. Bisher halte ich es noch aus - seit Stunden, wie es mir scheint. Genau sagen kann ich es nicht. "Indianer kennen keine Zeit", sagt Scholz. Und ich auch nicht mehr.

Als die Türklappe aufgeht, sehe ich nur, dass es draußen genauso finster geworden ist wie drinnen. Dampfschwaden wabern hinaus ins Freie. Ich genieße die Pause. Die kalte Luft macht den Kopf frei. Doch dann kommt eine neue Ladung "Großväter". Mit einer Schaufel kippt der "Feuermann" sie hinein.Wir heißen sie willkommen mit einem kräftigen "Aouh". Denn so hat es Scholz uns beigebracht. Als der Stapel groß genug ist, geht die Klappe zu. Die letzte Runde beginnt.

Das nasse Handtuch liegt auf meinem Kopf. Die Hitze soll so erträglicher sein - ein Trick, den "Jesus" mir verraten hat. Doch es hilft nichts. Ich wippe wieder. Mein Nachbar, einer der Manager, fragt: "Alles okay?" Offenbar habe ich gewimmert. "Ja, klar", krächze ich und meine das Gegenteil. Der Schweiß brennt in meinen Augen, meine Arme und Beine spüre ich nicht mehr. Ich wippe und wippe - wie ein Elefant in einem zu kleinen Gehege. Scholz erzählt irgendetwas von Indianern. Aber die Worte kommen nicht mehr bei mir an. Ich schnappe nach Luft. Das Blut rauscht in meinem Kopf, mein Herz hämmert. Gleich hast du es geschafft, denke ich. Gleich. Doch es kommt noch ein Lied, noch eine Geschichte, noch ein Horn voller Wasser. Mein Blickfeld wird enger, die Schwärze schwärzer. Doch dann geht die Klappe auf, endlich!

Von den Verbliebenen bin ich der erste, der aus der Hütte krabbelt. Ich torkele in die Nacht, stolpere über meine Füße und falle ins Laub. Ich fühle mich fiebrig, benebelt. Das Karussell in meinem Kopf dreht sich schnell, doch bald schon langsamer. Ich schaue zu den Sternen, atme ein, atme aus. Endlich Luft! Meine Hände krallen sich ins Laub. Ich fühle mich geborgen. In diesem Augenblick, wie ich da so liege, halbnackt im Wald, ist alles in Ordnung. Kein schlechter Gedanke spukt durch meinen Verstand. Ob das was mit den "Spirits", den Geistern des Platzes, zu tun hat, wie Scholz sagt? Ich bin nicht überzeugt. Trotzdem kann ich nicht leugnen, dass in der Schwitzhütte etwas passiert ist mit mir. Wahrscheinlich war es die Anstrengung, vielleicht aber auch Gott, Allah oder der große Manitu - wer weiß das schon?