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Hilfe, die nicht ankommt: Freiberufler in der Corona-Falle

Freiberufler in der Krise : Einzelkämpfer stecken in der Corona-Klemme

Andere sind stärker, schreien lauter – und erhalten dank kräftiger Lobby auch Unterstützung vom Staat. Viel schwerer haben es berufliche Einzelkämpferinnen.

Es soll ja alles besser werden für die Freiberufler, für die sich coronabedingt der Begriff „Soloselbstständige“ eingebürgert hat – neben vielen anderen Grausamkeiten ein auch sprachlicher Kollateralschaden. Seit Beginn der Krise blieben sie von schneller Staatshilfe weitgehend ausgeschlossen, jetzt soll es, so heißt es, doch Unterstützung geben.

Zwar durfte man als Einzelkämpfer oder Kleinbetrieb mit höchstens fünf Beschäftigten auf, zum Beispiel, 9000 Euro Soforthilfe hoffen. Aber zunächst nur, um davon Betriebskosten zu zahlen. Wer die nicht geltend machen konnte, ging leer aus.

Mit den erwartbaren Konsequenzen: „Ich kenne Kollegen, die nicht wissen, wie sie die nächsten Einkäufe bezahlen sollen“, sagt die Prümer Sängerin und Moderatorin Barbara Spoo.

Tatsache sei einfach, dass bei der staatlichen Unterstützung nicht überall mit gleichem Maß gemessen werde und viele vor allem künstlerisch Tätige „nicht berücksichtigt werden“.

Immerhin: Nach sechs Wochen Durststrecke ohne Engagements und Einnahmen darf sie zumindest seit dieser Woche wieder Gesangsunterricht geben – eine kleine Erleichterung.

Dann hieß es: Ihr erhaltet Hartz IV – also Arbeitslosengeld II, um davon den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Und müsst auch nicht vorher euer Vermögen, sofern vorhanden, antasten. Bis zu 60 000 Euro durfte man besitzen, jedes weitere Haushaltsmitglied 30 000 Euro.

Anita Reusch aus Großlangenfeld, die als Yogalehrerin arbeitet, hat das Arbeitslosengeld beantragt. Und? Erhält sie die Hilfe? Zumindest ein dreistelliger Betrag, sagt sie, sei ihr dieser Tage vom Jobcenter in Prüm in Aussicht gestellt worden, bis Ende Juni.

Was sie aber weiterhin frustriert: Nachdem Bundesfinanzminister Olaf Scholz Soforthilfen versprochen habe, „auch für fehlende Einkünfte, wenn man nicht arbeiten darf“, habe Rheinland-Pfalz das anders umgesetzt als etwa Nordrhein-Westfalen: Die Hilfe gab es nur für Antragsteller, die laufende Kosten geltend machen konnten. „Ich mache meine Arbeit aber in Gemeindehäusern und bei Sportvereinen, wo mir keine entsprechenden Verbindlichkeiten entstehen.“ Stattdessen: null Einnahmen.

Rüber in die Vulkaneifel: Heike Siegel lebt in Stadtkyll und führt dort eine Künstleragentur, sie managt die Tourneen von Musikern und Kabarettisten. Sie kennt zumindest drei Fälle, „denen man im Jobcenter gesagt hat: Ihr müsst erst euer Geld aufbrauchen.“

Die 51-Jährige findet die Regelung mit dem Hartz-IV-Geld ohnehin zweifelhaft: Man werde dazu jetzt gezwungen. „Aber wir sind nicht arbeitslos. Wir unterliegen einem Berufsverbot.“

Heike Siegel hat sich, zusammen mit nahezu 5000 anderen Menschen aus der Branche, der Initiative „Kultur erhalten“ angeschlossen. Deren Forderung: Künstlerisch Tägigen 60 Prozent des letztjährigen Durchschnittseinkommens als Kurzarbeitsgeld zu zahlen. Das sei leicht auszurechnen, „die haben ja alle Steuern bezahlt“. Immerhin erhielten die Zahnärzte im Land 90 Prozent ihres Erwerbsausfalls erstattet. „Wir nicht. Und wir sind eine Branche, die mit dem 15. März von 100 auf Null gefahren wurde.“

Und zwar eine große Branche: Die gesamte Kultur – von Theater über Kino bis zu Kleinkunst- und anderen Minibühnen – setzte 2018 nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums nahezu 170 Milliarden Euro um, das waren etwa drei Prozent des Brutto-Inlandsprodukts.

Freiberufler sind den Kampf ums finanzielle Überleben gewöhnt und schreien selten nach dem Staat – und längst nicht so laut wie, sagen wir, die Großindustrie. „Ich möchte eigentlich keine Hilfe“, sagt deshalb auch Anita Reusch. „Ich möchte arbeiten. Und ich war immer stolz darauf, dass ich keine Hilfe gebraucht habe.“

Verzagen? Nicht das Richtige, finden die Frauen: „Jetzt muss man erfinderisch werden“, sagt Barbara Spoo. Also gehe sie zusätzlich ihrer Leidenschaft Fotografie nach. Sie stellte die Bilder ins Netz – und erhielt darüber erste Aufträge. Und Heike Siegel besann sich auf das, was sie einmal gelernt hat: Damenschneiderin. Sie näht jetzt Gesichtsmasken.