Hochschulprofessor Armin Schneider und die Wertevermittlung

Neujahrsgespräch in Prüm : Es fängt schon früh an

Werte wollen weitergegeben sein – nur welche? Und wie? Beim Neujahrsgespräch in Prüm hat der Sozial- und Erziehungswissenschaftler Armin Schneider den mehr als 200 Zuhörern aus den Eifelkreisen ein paar Anregungen geliefert.

Einander zuhören. Sein Gegenüber respektieren, auch wenn man anderer Meinung ist. Freiheit, Frieden, Zusammenhalt und gegenseitige Achtung – allesamt grundlegende Werte und Ziele, die Aloysius Söhngen, Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Prüm, zum Auftakt des 29. Neujahrsgesprächs im Ratssaal aufzählt.

Das alles aber sei „keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir erleben heute einen Verfall“, sagt der VG-Chef. Was die beiden großen deutschen Kirchen die „demokratische Sittlichkeit“ nennen, sei in Gefahr geraten. Und deshalb gelte es, „diejenigen in die Schranken zu weisen, die letztlich nichts anderes vorhaben, als die Demokratie und ihre Institutionen zu zerstören“. Die Populisten, Demagogen, Hetzer. Die mit den einfachen Antworten auf schwierige Fragen.

Demokratie aber setze voraus, „dass in einem öffentlichen Forum Argumente ausgetauscht werden, wo ein Fake als Fake entlarvt wird und nicht als alternative Wahrheit weiterlebt.“ Es drohe „der Verlust der gemeinsamen Wertevorstellungen. Und damit sind wir beim Thema des heutigen Tages.“

Die Werte und ihre Vermittlung: Söhngen hat den Richtigen dazu eingeladen, Armin Schneider. Der Pädagoge, Psychologe und Prodekan des Fachbereichs Sozialwissenschaften an der Hochschule Koblenz verweist darauf, dass diese Vermittlung schon früh beginne. Beim Kind. Und packt als passenden Zitatgeber gleich Goethe aus: „Wenn Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind, verleih ihnen Flügel.“ Und einen weiteren großen Denker: Karl Valentin. „Wir können Kinder nicht erziehen“, hat der bayerische Komödiant gesagt, „sie machen uns eh alles nach.“

Da fehlt eigentlich nur noch der Schweizer Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi: Erziehung, lautet dessen vielleicht bekanntester Satz, sei „Vorbild und Liebe – sonst nichts“. Den zitiert Schneider zwar nicht, betont aber, wie wichtig ihm „die alte Sache mit dem Vorbild-Sein“ jedoch sei.

Dass wir uns derzeit wieder verstärkt mit der Frage nach den Werten befassen, liege wohl daran, „dass so vieles im Umbruch ist“. In solchen Phasen suche der Mensch nach Orientierung. Und frage sich: „Was hält uns denn eigentlich zusammen?“

Der Professor fegt zügig durch seinen Folienvortrag, was manchen Zuhörer leicht schwindeln macht, dennoch bleibt einiges hängen: Zum Beispiel, „dass jeder Mensch die gleiche Würde hat“. Der Nationalsozialismus aber habe Menschen zu Sachen degradiert. In der Erziehung aber dürfe man ein Kind nicht entwürdigen. Und müsse ihm – noch zwei Werte – seine Integrität, seine Authentizität lassen – also „die Fähigkeit, die Person zu sein, die man ist“.

Schneiders Fazit: Ja, man könne und müsse Werte vermitteln und auch von ihnen überzeugt sein. Man müsse als Vorbild agieren und gleichzeitig die Werte nicht so hoch hängen, dass man nicht mehr drankomme. Weshalb sich jeder auch Fehler zugestehen und „auf die Kraft des Verzeihens“ setzen dürfe.

Vielleicht sei ja die „Goldene Regel“ aus der Bibel ein Maßstab, zumal ihr Kern in allen Kulturen und Religionen gelte: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dem anderen nichts antun, „das dir Schmerz verursachte, würde es dir getan“ – die „Summe aller Pflicht“ im Buddhismus. Ähnlich das Judentum: „Was dir verhasst ist, das tue deinem Nächsten nicht“. Im Islam heiße es: „Keiner von euch ist gläubig, bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht“ – und im Konfuzianismus: „Was du selbst nicht wünschest, tu nicht an andern.“

Auch wertvoll: Applaus. Blick ins Publikum. Foto: Fritz-Peter Linden
Neujahrsgespräch in Prüm: der Kinder- und Jugendchor Olzheim. Foto: Fritz-Peter Linden
Neujahrsgespräch in Prüm mit Armin Schneider: Blick ins Publikum. Foto: Fritz-Peter Linden

Wie schön wär’s doch, wenn sich alle daran hielten. Aber die Mahnung des passend zum Thema singenden Kinder- und Jugendchors Olzheim, dirigiert von Martin Leineweber, verhallt schon wieder in diesem neuen Jahr: „Make love, not war.“