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Mann aus Brecht in der Eifel hat beim Hochwasser sein Haus verloren

Flutkatastrophe : Er hat sein Haus im Hochwasser in der Eifel verloren: So geht es ihm jetzt (Fotos)

Vor drei Monaten hat das Jahrhundert-Hochwasser die Menschen in der Eifel in Angst und Schrecken versetzt. Dieter Wenzel hat in der Nacht auf den 15. Juli fast alles verloren – und sich doch seine Zuversicht bewahrt.

Diese Nacht wird Dieter Wenzel nicht vergessen. Er bangte um sein Leben. Und um das seines Vaters, mit dem er zusammen in einem liebevoll restaurierten Haus an der Prüm in Brecht wohnte. Das ist seit jener Nacht Geschichte.

Wie Wenzels Haus von Fluten auseinandergerissen wurde

In einer Geschwindigkeit, die bis dahin unvorstellbar war, hatte sich die sonst so beschauliche Prüm zu einem reißenden Strom entwickelt. Meterhohe Wellen prallten mit Wucht gegen das Haus der Wenzels. Es krachte, erste Risse zeigten sich in den Wänden, dann stürzte ein Teil der Außenmauer tosend zusammen.

Dieter Wenzel und sein Vater Jakob konnten in letzter Minute aus einem Fenster gerettet werden. Dann brach das Haus in Stücke. Die Ruine steht noch. „Unser Haus muss abgerissen werden, da ist nichts mehr zu machen“, sagt Dieter Wenzel.

Wir haben ihn drei Monate nach der Katastrophe, bei der er fast alles verloren hat, wieder getroffen. Wir sitzen zusammen in der Küche, es ist warm und behaglich. Draußen prasselt der Regen gegen die Scheiben. Fast, wie an dem Abend, an dem die Wenzels ihr Zuhause verloren haben – und gerade so mit dem Leben davon kamen. „Wenn ich heute daran denke, dass ich noch mit meinem Vater rausschwimmen wollte, unvorstellbar.“

Wenzel hatte Angst um sein Leben und das seines Vaters

In den Fluten ertranken im Ahrtal Menschen, auch im Eifelkreis hat ein Camper nicht überlebt, der 14 Tage später bei Prüm gefunden wurde. „Diese Nachrichten von der Ahr, da hatten wir ja noch Glück“, sagt Wenzel. Kurz habe er tatsächlich auch gedacht: „Das hier ist dein letzter Tag“.

Da saß sein 81-jähriger Vater auf der Fensterbrüstung im ersten Stock, die Beine nach außen baumelnd. „Ich habe ihn von hinten gehalten“, sagt Wenzel. Unter den beiden die peitschenden Wellen. „Ich sagte: komm’, lass uns springen, dass ist besser, als wenn über uns das Haus zusammenstürzt. Mein Vater wollte aber bleiben.“ Die beiden wurden von der Feuerwehr mit dem Radlader gerettet. Wenig später ging alles verloren, was bis dahin ihr Leben ausmachte.

Wenzel ist dankbar für die große Hilfsbereitschaft in Brecht

Im Ort halfen die Menschen sich gegenseitig. Die Wenzels konnten, kurz nachdem sie für zehn Tage ins Hotel mussten, wieder in Brecht einziehen. „Unser Vermieter war sehr entgegenkommend, es ist das ehemalige Haus seiner Eltern, das seit zwei Jahren leerstand.“ Ein gutes Dutzend Frauen war gleich zu Stelle. „Die kamen hier angeschwirrt, haben geputzt, Gardinen gewaschen, Schränke ausgeräumt. Unglaublich. Einfach wunderbar.“

Dieter Wenzel ist dankbar. Für die Hilfe der Frauen, für Spenden, dafür, dass er mit seinem Vater so schnell wieder ein Dach über dem Kopf hat – und natürlich dafür, dass sie überlebt haben. „Diese Hilfsbereitschaft ist schon überwältigend“, sagt er und erzählt von den ersten Wochen nach der Flut, als er Tag für Tag merkte, was er alles nicht mehr hat.

Ihnen blieb nicht übrig, als die Kleider, die sie getragen hatten

Eingezogen ins neue Haus sind die Wenzels mit zwei Taschen. Da hatten sie sich gerade auf dem Bitburger Krammarkt mit dem nötigsten an Kleidung eingedeckt. „Wir hatten ja nur das, was wir in den Nacht am Körper trugen.“ Bei Dieter Wenzel gehörte glücklicherweise auch der Personalausweis dazu, den er im Portemonnaie in der Hosentasche hatte. Das war’s. Kein Computer, kein Telefon, keine Versicherungs- oder Steuerunterlagen. Nichts.

„Wir haben ganz von vorne anfangen müssen“, sagt Wenzel und erzählt von so vielen hilfsbereiten Menschen. Bei der Versicherung („Zum Glück haben wir eine Elementarversicherung“), bei Ämtern und Behörden, Banken und beim Arbeitgeber. „Um das alles zu regeln, habe ich mir Urlaub genommen und dann noch unbezahlten Urlaub drangehängt.“

Angefangen mit zwei Messern und zwei Gabeln, die er im Baumarkt erstand („irgendwie dachte ich, das müssten wir haben“), kam nach und nach wieder das, was man so braucht, zusammen. „Wir haben jetzt auch wieder Winterschuhe und Jacken, einen Festnetzanschluss und einen Briefkasten.“

Fotos und anderer Erinnerungsstücke gingen im Hochwasser verloren

Was er nicht mehr hat: Fotos. Die Alben mit Bildern aus seiner Kindheit, von den Eltern, der Mutter, die 2012 gestorben ist, der Familie. „Verwandte haben angeboten, das ein oder andere Foto aus ihrem Fundus uns zu kopieren, aber das ist ja nicht das Gleiche.“ Nun muss er die Bilder im Kopf behalten. Im Herzen.

Wie das Bild seiner Mutter, deren Führerschein – ausgestellt 1972 – nach dem Hochwasser 200 Meter weiter bei einem Nachbarn auf dem Grundstück aufgetaucht ist. Ebenso wie der Fahrzeugbrief des Autos. Und auch noch das ein oder andere Erinnerungsstück. Teile eines alten Porzellan-Services, ein paar Kristallgläser. Was für Dieter Wenzel unersetzlich in den Fluten verloren ging: „Uhr und Ohrringe meiner Mutter.“

Der Schock ist verkraftet, doch zurück zum Fluss will Wenzel nicht

Und ist das neue Haus inzwischen ein Zuhause? „Wir fühlen uns hier sehr wohl, aber unser Zuhause ist immer noch der Steinhaufen an der Prüm“, sagt Wenzel. Den Anblick könne sein Vater auch immer noch schlecht ertragen: „Fahr’ schnell weiter, sagt er dann.“ Er selbst habe sich daran gewöhnt. Auch an den Gedanken, dass die Reste des Hauses, in das sie so viel Liebe und Arbeit gesteckt haben, abgerissen werden müssen.

Dieter Wenzel sagt, dass er den Schock dieser Nacht ganz gut verkraftet hat. „Die ersten Wochen habe ich schlecht geschlafen. Aber das geht wieder.“ Nur, wenn die Sirene heule, zucke er immer noch erst mal zusammen. Er baut darauf, so richtig zur Ruhe zu kommen, wenn sein neues Zuhause steht. Auch da hatte er, sagt er dankbar, unglaublich Glück: „Wir können hier direkt nebenan ein Grundstück erwerben und wollen neu bauen.“ Wieder zurück an die Prüm? „Nein, noch mal am Fluss zu wohnen kann ich mir nicht mehr vorstellen.“