Hüpfen über Kopfsteinpflaster

Hüpfen über Kopfsteinpflaster

ECHTERNACH. Tausende Menschen hüpften am Pfingstdienstag durch die Straßen von Echternach. Die Springprozession lockte aber auch viele Zuschauer in die Abteistadt.

"Ich habe das weiße Tuch von meiner Oma verloren." Für Sven (7), Schüler der Don-Bosco-Grundschule Wolsfeld, beginnt der erste gemeinsame Ausflug zur Echternacher Springprozession mit einem Drama. Tränenüberströmt und tief bestürzt ist er auf der Suche nach seinem Taschentuch, ohne das er das Springen nicht beginnen kann. Mit einem Notbehelf lässt er sich trösten. Lehrerin Sabine Palgen hat nun alle Hände voll zu tun. Wo müssen wir uns überhaupt aufstellen? Sind noch alle da? Wer muss nochmal schnell aufs Klo oder will noch etwas trinken? Der Nervenkitzel angesichts der immer größer werdenden Menschenmassen überträgt sich auf alle. Als Religionslehrerin ist es für Palgen selbstverständlich, mit ihren Kindern an der Springprozession teilzunehmen: "Vergangene Woche haben wir auf dem Schulhof den Hüpfsprung geprobt. Das war am Anfang ziemlich chaotisch, weil niemand so richtig die Musik summen konnte. Wir haben viel gelacht." Doch vor allem geht es ihr neben der Brauchtumspflege um das "Gefühl des Zusammengehörens". Ingrid Simon ist als Begleitperson der Gruppe mitgefahren: "Ich bin als Jugendliche schon mitgehüpft." Heute teilt sie dieses Erlebnis mit ihrem Sohn. Nach langem Warten geht es los. Vorbei an der Basilika, den Menschenmassen in der Stadt entgegen, geht es voran: drei Schritte vor und zwei zurück. Mühsam kommt die Prozession in Gang. "Wie, und jetzt ist schon wieder Pause?", beschwert sich ein Drei-Käse-Hoch aus Palgens Gruppe. Später hat er die Pausen nötig. Viele Menschen verfolgen am Straßenrand die nicht enden wollende Prozession. Auf Klappstühlen, auf Treppen und an Fenstersimsen versucht jeder, einen möglichst günstigen Blick zu erhaschen. Zwischendurch erinnern die luxemburgischen Schilderträger, wie man richtig springt: "Su gäht daat!" und ermahnen zur Disziplin.Seit 70 Jahren bei der Prozession dabei

Mitten unter den Gläubigen ist auch der 90-jährige Karl Brenner aus Irrel, der zum siebzigsten Mal an der Echternacher Springprozession teilnimmt. Auf seiner Trompete bläst er für den Musikverein Irrel. Für ihn ist die Pfingstprozession eine sehr ernste religiöse Veranstaltung, die er auf keinen Fall verpassen möchte. Mittlerweile - der immer beschwerlicher anmutende Weg führt über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt - kleben die Hosen vieler Springer an ihren Beinen, der Schweiß rinnt ihnen die Stirn hinunter und in den Füßen nehmen viele ein erstes Brennen wahr. Doch eisern hüpfen Kinder, Lehrer und jeder, der noch kann, weiter. Einer Trance oder zumindest einer Meditation ähnelnd, macht sich im ganzen Körper eine angenehme Entspannung breit. Die Beine gehorchen wie ferngesteuert, die Melodie des Prozessionsmarsches ist bereits in Fleisch und Blut übergegangen und der Geist kann abdriften, der Alltagsstress hat sich in Luft aufgelöst. Die Kinder sehen das teilweise anders: "Wann sind wir endlich da?" oder "Ich habe Durst" oder "Mir ist heiß" stöhnen manche. Auch den Kindern der Klasse 1 b geht so langsam die Puste aus. Doch der ergreifende pompöse finale Gang der Prozession, der in der romanischen Basilika am Grab des heiligen Willibrord endet, entschädigt für die Anstrengung. Vorbei an einem Lichtermeer aus Kerzen und unter lautem Getöse des Prozessionsmarsches, ziehen die Pilger in das Gotteshaus. Dort werden nochmals alle Kräfte gesammelt. Die schmerzenden Füße und die Strapazen der vergangen Stunden sind vergessen. Nur Sven erinnert sich wieder wehmütig an das Taschentuch seiner Oma, das er wahrscheinlich nie wiederfinden wird und das ihn diesen Tag niemals vergessen lassen wird.