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Talk: „Ich ärgere mich darüber bis heute“

Talk : „Ich ärgere mich darüber bis heute“

Als bayrischer Innenminister war Günther Beckstein für sein hartes Durchgreifen bekannt. Als Gesprächsgast von Herbert Fandel zeigte sich der 74-Jährige von einer anderen Seite.

Nach dem schlechten Abschneiden der CSU bei der Landtagswahl 2008 waren seine Tage als Ministerpräsident Bayerns gezählt. Günther Beckstein, der das Amt erst ein Jahr zuvor von Edmund Stoiber übernommen hatte, verzichtete auf eine erneute Kandidatur und überließ damit das Feld Horst Seehofer, der am 27. Oktober 2008 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde.

„Ich bin zurückgetreten – und das ist ein schmerzhafter Prozess“, sagt Beckstein. Und am deutlichsten gespürt habe er es an jenem Tag gegen 17.08 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt endete im bayrischen Landtag die Amtszeit des einen und begann die des anderen. „Die Folge war, dass die Personenschützer, die mich zum Landtag begleitet hatten, dann ab dieser Sekunde Horst Seehofer begleiteten“, sagt Beckstein. Und sein Fahrer sei ebenfalls von einem Moment auf den nächsten zu dem von Seehofer geworden. Er sei ja sonst oft mit der U-Bahn gefahren, habe aber an diesem Tag bewusst darauf verzichtet, um sich nicht dem Mitleid und der Häme anderer auszusetzen, erinnert sich der 74-Jährige. „Ich hab‘ gefragt: ‚Wer bringt mich weg?’“ Und dann habe ein Polizist Initiative ergriffen und ihn nach Hause gebracht. Zwei Tage lang habe er sich „keinerlei Gefühle geleistet“, sagt Beckstein. Nur seine Frau habe mitbekommen, wie sehr dieser Abgang an ihm genagt habe. Und die habe dann zu ihm gesagt: „Günther, sei nicht so wehleidig!“

Gut zehn Jahre später kann Beckstein darüber gut lachen. Genau wie das Publikum im Haus Beda, das an der Talkreihe „Einblicke“ mit Kulturamtsleiter Herbert Fandel teilnimmt. Fandel fragt und sein Gast Beckstein erzählt – erzählt von den Höhen und Tiefen seines politischen Lebens, von der harten und kompromisslosen Linie, die er als bayrischer Innenminister konsequent verfolgt habe und zu der er auch heute noch stehe, von seiner Beziehung zu seinen Vorgängern Franz-Josef Strauß und Edmund Stoiber und von seiner langjährigen Freundschaft mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth. Sie sei zwar die „Heulsuse der Nation“, was ihn sehr nerve, sagt Beckstein grinsend, gleichzeitig aber auch der Prüfstein seiner Toleranz.

Ein anderer Prüfstein, an dem sich der Franke allerdings die Zähne ausgebissen hat, war 1987 sein Versuch, Oberbürgermeister der SPD-Stadt Nürnberg zu werden. „Ich hatte den Ehrgeiz, wollte als CSU-Mensch diese Stadt erobern“, sagt der Jurist, der dafür drei Jahre Wahlkampf betrieb. Er habe fest damit gerechnet, gewählt zu werden. Die SPD habe am Ende einen recht unfairen Wahlkampf betrieben, erzählt Beckstein, räumt gleichzeitig aber auch eigene Fehler ein. „Jedenfalls habe ich verloren“, resümiert er. „Ich ärgere mich darüber bis heute.“

Wer sich politisch engagiert, muss mit Niederlagen leben, aber auch mit Anfeindungen. Habe er in seiner Zeit als Innenminister denn keine Angst um sein Leben und das seiner Familie gehabt?, möchte Fandel von dem Gast wissen. „Ich habe Morddrohungen leitzordnerweise gehabt“, antwortet Beckstein, und es habe auch echte Angriffe gegen ihn gegeben. Nach einem intensiven Gespräch mit seiner Frau und den Kindern sei aber entschieden worden, auf Personenschutz für die Familie zu verzichten. Zum einen, weil es bis dahin in der deutschen Geschichte nie Angriffe auf Familien von Politikern gegeben habe, und zum anderen, weil die Familie der Meinung war, dass ständiger Personenschutz der Entwicklung der Kinder schade.

In diesem Zusammenhang unbegreiflich ist für Fandel, dass Beckstein während seiner Zeit als Innenminister mit seiner Privatnummer im Telefonbuch stand. „Ich wollte ja von den Menschen gewählt werden, also musste ich ansprechbar sein“, sagt der ehemalige Spitzenpolitiker. Was dazu führte, dass die Familie auch zu Hause Drohanrufe bekam. Irgendwann habe nachts um halb drei das Telefon geläutet. Als seine Frau ans Telefon gegangen sei, habe der Anrufer nach dem Ehemann gefragt und seiner Frau erzählt, dass er ihn umbringen wolle, erinnert sich der 74-Jährige. Daraufhin habe seine Frau den Anrufer zurechtgewiesen, dass es doch anstandslos sei, wegen so etwas mitten in der Nacht anzurufen. „Ach, Entschuldigung“, habe dieser geantwortet und aufgelegt, erzählt Beckstein. Der Polizei sei dieser Drohanruf dann auch nicht als Gefährdungsereignis mitgeteilt worden.