"Ich bin definitiv unschuldig"

"Ich bin definitiv unschuldig"

BITBURG. Weil er sich an einem kleinen Jungen mehrfach vergriffen haben soll, muss sich ein 40-jähriger Mann vor dem Amtsgericht Bitburg verantworten. Das Urteil wird voraussichtlich heute gesprochen.

Diese Verhandlung vor dem Bitburger Schöffengericht unter dem Vorsitz von Richter Werner von Schichau ist nichts für schwache Nerven. In zehn Stunden inklusive Pausen bringt der Prozess immer neue Überraschungen. Ein bisexueller Angeklagter mit einer homosexuellen Beziehung, eine fassungslose Mutter, deren homosexueller Ex-Freund und ihre ausgewanderte Schwester, eine ratlose Großmutter. Und ein Opfer, das als liebenswert, aber extrem schwierig bezeichnet wird. Zwischen Anfang 2002 und Mitte 2004 soll der 40-jährige Axel H. (Namen von der Redaktion geändert) den damals höchstens fünfjährigen Sohn seiner Schwester Marion (38) drei Mal sexuell missbraucht haben. "Ich bin definitiv unschuldig", stellt Axel H. gleich zu Beginn fest. Zu keinem Zeitpunkt sei er mit seinem Neffen allein gewesen. Er will "keine Verdächtigungen äußern", fühlt sich allerdings von seiner Schwester verfolgt.In der Familie herrscht Eiszeit

Der damals ermittelnde Polizeibeamte erinnert sich, dass die Mutter des Jungen einen schweren Missbrauch befürchtet habe, was die Vernehmung dann etwas relativiert habe. Vor Gericht scheinen seelische Wunden der Mutter aufzubrechen. Immer wieder kommen Marion H. die Tränen, entsetzt über die Tat und die Reaktion ihrer Familie. Immer wieder schüttelt sie den Kopf: "Ich weiß nicht, was hier abgeht." Wegen ihrer Arbeitsstelle weggezogen und allein erziehend, hatte sie ihre beiden Kinder öfter bei der Oma in der Eifel gelassen. Besuche des Jungen in seiner Wohnung soll Axel H. zu Übergriffen genutzt haben. Als der Junge dies seiner Mutter erzählte, konfrontierte Marion H. ihren Bruder vor versammelter Familie damit. Er stritt alles ab. Seitdem ist die Familie gespalten, es herrscht Eiszeit."Paradebeispiel für eine unbeeinflusste Aussage"

Vor Gericht macht der gerade siebenjährige Junge einen sehr lebhaften und gewitzten Eindruck. Bei seiner Aussage unter Ausschluss der Öffentlichkeit bestätigt er die Vorwürfe. Der Lebensgefährte des Angeklagten und die Oma des Jungen ergreifen klar Partei für Axel H.. Der 40-Jährige sei nie längere Zeit allein mit dem Kind gewesen. Die 42-jährige Claudia H. lässt in einem Brief an den Anwalt ihres Bruders Axel kein gutes Haar an ihrer Schwester Marion. Diese habe schon in ihrer Jugend erschwindelte Geschichten so glaubwürdig erzählt, "dass Baron Münchhausen den Hut abnehmen würde". Eine ehemalige Kindergärtnerin des Jungen beschreibt ihn als sehr liebevoll und intelligent, aber distanzlos auch gegenüber Erwachsenen und mit sehr geringer Frustrationstoleranz: "Wir wussten jedoch, dass wir ihn ernst nehmen konnten." Die Sachverständige des Gerichts attestiert in ihrem Gutachten über den Jungen "ein Paradebeispiel für eine unbeeinflusste, originäre Aussage". Neben dieser Einschätzung hat das Gericht auch eine Aussage des damaligen Lebensgefährten der Mutter zu bewerten: Bei einem Grillabend der Familie habe Axel H. eine halbe Stunde allein mit seinem Neffen im Haus verbringen können. Danach habe Axel H. erzählt, der Junge habe ihn aufgefordert, sich in die Hose zu fassen. Die Verhandlung wird am heutigen Mittwoch um 14 Uhr fortgesetzt.