1. Region
  2. Bitburg & Prüm

"Ich habe Angst davor, pädophil zu werden"

"Ich habe Angst davor, pädophil zu werden"

Ein Angeklagter, der Angst vor sich selbst hat, und ein Gericht, das nun dessen Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus prüft: Seit gestern muss sich ein 23-jähriger Eifeler wegen des Vorwurfs des schweren sexuellen Missbrauchs vor dem Trierer Landgericht verantworten.

Trier. Seine Stimme wechselt von einem hohen Fistelton erst ins Heisere, dann ins Unhörbare. Die Verzweiflung ist dem jungen Mann mit der schmalen Statur und den dunklen Schatten um den Augen, der gestern auf der Anklagebank der Ersten Großen Jugendkammer des Trierer Landgerichts Platz genommen hat, in diesem Moment deutlich anzuhören. Es ist der Augenblick, als der 23-Jährige, der zwischen Dezember 2006 und November 2010 zwei Mädchen in drei Fällen sexuell missbraucht haben soll, innerlich all seinen Mut zusammennimmt und das ausspricht, was ihn offenbar umtreibt. "Ich habe Angst davor, pädophil zu werden", sagt er mit ebenjener Fistelstimme, die, je länger der Satz geht, immer leiser wird.
Im Gegensatz zu vielem, was der Eifeler zuvor in der Verhandlung von sich gegeben hat, ist dieses Bekenntnis glaubhaft. Selbst der im Allgemeinen sehr geduldige Vorsitzende Richter Albrecht Keimburg hatte die zuvor getätigten Ausführungen des Angeklagten als "blanken Unsinn" bezeichnet: Zwar hatte dieser zu Prozessbeginn zugegeben, die beiden Mädchen in seiner Wohnung unsittlich berührt zu haben. Allerdings seien die Übergriffe nicht sexuell motiviert gewesen, beteuerte der junge Mann, der sich zuletzt als Hilfsarbeiter und Ein-Euro-Jobber mehr schlecht als recht und nur mit Hilfe einer gesetzlichen Betreuerin durchs Leben schlug: Die damals zehnjährige Nachbarstochter habe von selbst die Initiative ergriffen und ihn als acht Jahre Älteren gebeten, ihr zu zeigen, was Sex sei. Er habe sie zwar berührt, dann aber doch aufgehört. Bei dem zweiten Mädchen, mit dem er übers Internet in Kontakt getreten sei, habe er überprüfen wollen, ob die Zwölfjährige noch Jungfrau sei. Im Ort habe es Gerede über das Mädchen gegeben. Eine Darstellung, die ihm Richter Keimburg nicht abnimmt: "Man könnte Sie auch einer anderen Kategorie zuordnen: Als jemand, der sich für kleine Mädchen interessiert und sich geniert, es zuzugeben."
Obwohl der 23-Jährige auch nach einer Unterredung mit seinem Verteidiger Bernd Leif bei seiner Version bleibt, er sei bei den Vorfällen mit den beiden Mädchen nicht sexuell erregt gewesen, kommt letztlich doch ebenjener Augenblick, in dem er sich offenbart und damit seiner bisherigen Aussage widerspricht: In seinem Kopf spuke die Angst herum, dass er sich "ein Kind schnappen würde". Diese Befürchtung habe er schon Anfang des Jahres bei einem kurzen Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik in der Eifel gegenüber einem Mitpatienten und einer Ärztin geäußert. Zeugen, die das Gericht nun auch noch hören möchte, um sich ein umfassendes Bild über den seelischen Zustand des Angeklagten zu machen.
"Glauben Sie, dass es Ihnen guttun würde, in eine stationäre Behandlung zu kommen?", fragt Keimburg. Der 23-Jährige nickt. Ob ihm bewusst ist, dass dies schneller geschehen kann, als er denkt? Während die Kammer den Prozess auf Mitte August vertagt, kündigt Staatsanwältin Stefanie Wöste an, zu prüfen, ob der Angeklagte, der sich zuletzt auf freiem Fuß befand, umgehend in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird: "Ich halte es für kaum vertretbar, ihn frei herumlaufen zu lassen."