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"Ich hoffe, man misst mich an anderen Dingen"

"Ich hoffe, man misst mich an anderen Dingen"

Sie ist die erste Frau, die an der Spitze der Stadt Neuerburg steht. Und sie ist gleichzeitig auch die jüngste ehrenamtliche Stadtbürgermeisterin in der Region: Die 29-jährige Anna Kling wird heute in der konstituierenden Sitzung des Neuerburger Stadtrats als Nachfolgerin von Willi Hermes in ihr Amt eingeführt.

Neuerburg. Weiblich, jung, zugezogen. Eigentlich nicht die besten Voraussetzungen, um für das Amt eines Stadtbürgermeisters zu kandidieren. Anna Kling hat's in Neuerburg trotzdem versucht - und Erfolg gehabt: Heute Abend wird sie als jüngste Stadtbürgermeisterin der Region im Neuerburger Stadtrat in ihr Amt eingeführt.

Auf ihr Alter und ihre Rolle als eine von wenigen Frauen in einer politischen Führungsposition angesprochen, stellt die 29-Jährige, die erst vor fünf Jahren nach Neuerburg gezogen ist, klar: "Ich hoffe, ich werde an anderen Dingen gemessen."

Eine Stadt mit Wohnzimmer-Atmosphäre



Die gebürtige Münchnerin spricht lieber über ihre neue Heimat: Neuerburg sei eine Stadt mit Charme, Flair und Wohnzimmer-Atmosphäre, betont sie und gerät dabei regelrecht ins Schwärmen. Eine Stadt, für die sich die Hausfrau und Mutter, die zurzeit an ihrer Doktor-Arbeit im Fach Bioethik schreibt, offenbar gerne engagieren möchte - allerdings wollte sie eigentlich eher im Stadtrat mitwirken.

"Ich hätte nie gedacht, dass es jetzt so kommen würde", räumt Kling, die seit drei Jahren Mitglied der CDU ist, ein. Sehr überraschend sei die Anfrage ihrer Parteikollegen für sie gewesen, die ihr Anfang März nahelegten, als Stadtbürgermeisterin zu kandidieren. Die Mutter einer zweijährigen Tochter bat sich eine Woche Bedenkzeit aus. "Das ist zwar ein Ehrenamt, aber wenn man das wirklich machen will, hat man einen Vollzeitjob", schildert sie ihre anfänglichen Zweifel. Darüber hinaus war sie skeptisch, da sie sich in den Verwaltungs-Strukturen nicht allzu gut auskannte. Anna Kling sagte daher auch zunächst ab: "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich die Einzige bin, die bereit ist, das zu machen."

Willi Hermes, der scheidende Stadtbürgermeister, akzeptierte ihr Nein nicht, blieb hartnäckig und versprach seine Unterstützung - mit Erfolg. "Man kann sich der Verantwortung nicht entziehen, wenn es wirklich niemand anderen gibt", erklärt Kling ihr Einlenken. Sie sei in einer Familie groß geworden, in der es selbstverständlich sei, sich für die Gesellschaft einzusetzen.

Dazu hat sie die nächsten fünf Jahre als Stadtbürgermeisterin von Neuerburg sicherlich genügend Gelegenheit. Sie weiß dabei einen großen Anteil der Neuerburger hinter sich: 78,3 Prozent der Wähler votierten für sie. Die 29-Jährige freut sich über den Vertrauens-Vorschuss, will sich darauf aber nicht ausruhen: "Ich möchte die Stimmen der Leute nicht nur am Wahltag haben."

Kling hat klare Vorstellungen, wie ihr das gelingen kann: Es sei wichtig, die Bürger immer wieder miteinzubeziehen. Darüber hinaus will sie die Aktivitäten der vielen Vereine und ehrenamtlich Tätigen bündeln. Und noch eins liegt der 29-Jährigen besonders am Herzen: "Es wird in den nächsten Jahren eine Aufgabe sein, noch mehr Leute zu werben, die sich politisch miteinbringen - auch junge Leute."

Die konstituierende Sitzung des Stadtrats Neuerburg findet am heutigen Montag um 19.30 Uhr in der Stadthalle statt. Zur Person Anna Kling wurde im September 1979 geboren. Sie wuchs in einer Großfamilie mit vier Geschwistern und zwei Adoptivbrüdern aus Äthiopien in Bayern auf. In München ging sie auf ein Gymnasium für Musik und Kunst, bis es sie 1996 in die Ferne zog: Ihren Schulabschluss machte Kling 1999 in Südengland. Anschließend studierte sie bis zu ihrem Abschluss 2003 im schottischen Edinburgh Biologie und absolvierte anschließend Praktika in Paris und Brüssel. Vor fünf Jahren zog sie mit ihrem Mann, der als Lehrer am Eifelgymnasium in Neuerburg arbeitet, in die Enztalstadt und schreibt an ihrer Doktorarbeit im Fach Bioethik, die sie aber zumindest im nächsten Jahr ruhen lassen will, um sich in ihr neues Amt einzuarbeiten. Gemeinsam haben die beiden eine zweijährige Tochter Amrei. In ihrer Freizeit engagiert sich Kling unter anderem im Pfarrgemeinderat, im Kirchenchor und im Musikverein. (neb)