Ich kam, sah - und hielt inne

Ich kam, sah - und hielt inne

Pause von der Rastlosigkeit des Alltags: Die neue Ausstellung "Die Welt als Bühne", die Wittlicher Kunsthistorikerin Ute Bopp-Schumacher für Haus Beda konzipiert hat, spielt mit Gegensätzen - getrieben sein oder innehalten, im Moment versinken oder einem Ziel hinterherlaufen.

Bitburg/Wittlich. Alle sind in Eile. Haben viel zu tun, fühlen sich sehr wichtig oder auch ganz klein. Unterwegs auf den Straßen ihres Lebens, versunken in Gedanken. Den Kopf voll mit dem, was war oder dem, was sein könnte. Selten mit dem, was gerade ist. Gudrun Kemsa fängt mit ihren Fotografien Straßenszenen in New York ein. Aufgenommen in der Mittagssonne: viel Licht, kaum Schatten.
Kemsa zeigt Menschen, die vor den Schaufenstern edler Boutiquen stehen, sich, mit Taschen beladen, ihren Weg durch das Gedränge bahnen, mit Aktenkoffer aus dem Büro hetzen, am Straßenrand eine Zigarette paffen, während sie auf den Bus warten - oder darauf, dass das Leben irgendwie weitergeht.
Versunken in den Moment


Ein bisschen Manhattan kommt mit diesen Bildern in die Eifel. Passend dazu die Video-Installation im Eingangsbereich zur Galerie. Über die Leinwand flimmert der Big Apple in vielen Stadtansichten. Doch es geht nicht um New York oder Paris, wo Kemsa ebenfalls fotografiert hat. Sie komponiert ihre Straßenszenen. Es sind Momentaufnahmen, die über den Moment hinaus führen. Sie öffnen den Blick für das Unterwegssein wie auch für die Vergänglichkeit des Augenblicks. Es beginnt eine Reise nach innen.
Völlig im Jetzt versunken sind die Menschen, die Carole Feuerman in ihren Plastiken darstellt. Frauen und Männer, die gerade schwimmen, aus dem Wasser steigen oder im nächsten Augenblick ins Wasser gleiten werden. Büsten, die so hyperrealistisch gefertigt sind, dass die Wassertropfen - noch mehr Augenblick geht nicht - an ihnen abperlen. Diese Schwimmer, alle haben die Augen geschlossen oder tragen Schwimmbrillen, sind völlig im Augenblick versunken - ein Kontrast zu den Menschen auf den Fotografien von Kemsa, mit dem Kuratorin Ute Bopp-Schumacher bewusst spielt.
"Trotz der Perfektion in der Darstellung wirken diese Plastiken nicht unheimlich oder bedrohlich, sondern strahlen eine wunderbare Entspanntheit aus. Man fühlt sich wohl in ihrer Nähe", sagt Bopp-Schumacher. Die Plastiken zeigen sehr attraktive Menschen. Aber ihre eigentliche Schönheit liegt hinter der Oberfläche. Sonst wären sie "nur" brillant gemacht. Aber in ihren Gesichtern kommt eine innere Zufriedenheit zum Ausdruck, die fasziniert und anzieht. Das Glück, vollkommen im Moment zu baden, ganz im Augenblick zu versinken und erfrischt wieder aufzutauchen.
Die Büsten hat Bopp-Schumacher vor Fotografien von Gudrun Kemsa inszeniert. Pool-Landschaften großer Hotels, umsäumt von Palmen, nachts aufgenommen. Menschenleer, in künstliches Licht getaucht, wirken sie fast surreal. Sind das die Landschaften, die die Schwimmer vor ihren geschlossenen Augen sehen? Wie sieht die Landschaft ihrer Seele wohl aus?
Weiter, im Herz der Galerie, gibt es wieder Straßenbilder Kemsa. Diesmal in Szene gesetzt mit Figuren von Veronika Veit. Kleine, beachtliche Werke, die auf die Besucher zu warten scheinen. Diese empfangen. Sie sitzen auf der, für sie etwas zu großen, Bank, betrachten die Bilder, sind unterwegs im Raum wie die Menschen auf den Fotografien. Ihre Bühne ist die Galerie, die Straßen von New York und Paris.
"Die Welt als Bühne" hat Bopp-Schumacher ihre Ausstellung genannt. Hier wird der Titel greifbar. Die Figuren repräsentieren durch ihre Körperhaltung, ihre Kleidung und die Art, wie sie im Raum positioniert sind, Typen, wie sie auch unter den Gästen der Vernissage zu finden sein werden.
Die Figuren treten in Dialog mit den Menschen auf den Fotografien und auch mit den Besuchern selbst. "Sie sind ein Spiegel", sagt Bopp-Schumacher. Was die Besucher ihrer Ansicht nach von dieser Ausstellung mitnehmen können, ist schwer in Worte zu fassen: "Vielleicht, dass man sich der eigenen Rast- und Gedankenlosigkeit bewusst wird. Sich fragt, wohin man eigentlich im Leben unterwegs ist - und was diese Momente ausmacht, in denen man eins ist mit sich und der Welt." scho
Extra

Foto: (e_bit )
Foto: (e_bit )

Gudrun Kemsa, geboren 1961 in Datteln (NRW), lebt in Düsseldorf, wo sie an der Kunstakademie studiert hat. Seit 2001 hat sie eine Professur für Film und Fotografie an der Hochschule Niederrhein Krefeld. In ihren Arbeiten dreht sich alles um Bewegung. Sie sagte mal, dass sie an den hektischsten Orten beim Fotografieren in totale Ruhe abtaucht. Carole Feuerman, geboren 1945, arbeitet nach ihrem Kunststudium, das sie mit einem Bachelor of Fine Arts abgeschlossen hat, seit 1979 als freie Künstlerin in New York. Ab dem 6. Mai ist sie in New York in der C24 Galerie in einer Einzelausstellung zu sehen. Ihre Arbeiten verkörpern nach ihrem eigenen Verständnis Gelassenheit, Ruhe, Reinheit und Leidenschaft. Veronika Veit, geboren 1968 in München, hat 1995 ihr Studium der Bildenden Künste in München abgeschlossen. Mit ihren Figuren, die im Schnitt etwa einen Meter hoch sind, spürt sie Gemeinsamkeiten und Unterschieden, Unsicherheiten, Posen oder einfach den besonderen Eigenheiten der Menschen nach. scho