„Ich wusste immer, wo ich hingehöre“

Aus dem Archiv April 2017 : „Ich wusste immer, wo ich hingehöre“

Im ausverkauften Festsaal im Haus Beda in Bitburg gibt Marianne Sägebrecht Einblicke in ihr bewegtes Leben – mit viel Wortgewalt und Humor.

Beim Eintritt in den vollen Festsaal schlagen den Besuchern die Klänge des Benno Raabe Jazz-Trios entgegen und schaffen direkt eine angemessene Atmosphäre. Pünktlich um 19 Uhr hat jeder der 270 Gäste seinen Platz gefunden und Marianne Sägebrecht betritt an der Seite von Moderator Herbert Fandel unter Applaus den Saal.

Dass Marianne Sägebrecht eine Frau mit einem riesigen Herzen ist, die sehr bodenständig geblieben ist und sich in ihrem langen Leben nie verbiegen ließ, wird schon in den ersten Minuten klar. Auch, dass sie jede Menge zu erzählen hat – so viel, dass es kaum in die anderthalb Stunden zu passen scheint, die für die Talk-Reihe eingeplant sind.

Herbert Fandel hat als roten Faden für den Abend die Biographie der Schauspielerin gewählt und so beginnt die Sägebrecht mit der Zeit, in der sie noch im Bauch ihrer Mutte Agnes war. Die enge Bindung zur „Mama“ und die Selbstbestimmtheit prägen das Leben der inzwischen 74-Jährigen. „Ich hatte nie Angst in meinem Leben und wusste immer, wo ich hingehöre“, meint die Frau, die mit großer Gestik spricht und ihren Ausführungen damit weitere Bedeutung verleiht. Dass sie schon früh ihren Glauben fand und sich selbst als „heidnische Katholikin“ bezeichnet, dürfte sicherlich mit dazu beigetragen haben.

Zu ihrer Kindheit, Ausbildung und kurzen Ehe hat Marianne Sägebrecht noch viel mehr zu erzählen. Zwischendurch springt sie ein wenig und manch einer mag zwischendurch Mühe haben, ihr ganz zu folgen.

Dennoch wird schnell klar, wie sehr diese Zeit sie im Verlauf ihres Lebens geprägt hat. „Wenn der Mensch keine Empathie hat, kann er auch kein guter Schauspieler sein“, sagt Sägebrecht. Der Figur, die man spiele, müsse man den Körper und die Seele geben. Und so erklärt sich auch ihre Haltung zu ihrer eigenen Arbeit als Schauspielerin, die erst mit 38 ihre erste Filmrolle bekam. Davor konnte sie durch ihre Kontakte zu Künstlern, Schauspielern und zum Zirkus Roncalli schon erste Erfahrungen auf kleinen Bühnen sammeln. Sie alle hatte sie im „Spinnradl“ und „Muttibräu“, den von ihr nacheinander geführten Künstlerkneipen, kennengelernt.

Doch nicht nur der Weg vor die Kamera wurde hier geebnet, sondern auch ihre Standhaftigkeit kam voll zu Geltung. Als der Besitzer vom „Muttibräu“ dieses verkaufen wollte, nachdem Marianne Sägebrecht es hochgewirtschaftet hatte und sie ähnliches mit anderen Kneipen machen sollte, ließ sie ihn abblitzen und kehrte der Gastronomie den Rücken.

 Sie glaubt an einen Gott, der das Leben eines jeden irgendwie vorbestimmt. Zumindest Geburt und Tod seien vorgegeben. Den Weg dazwischen dürfe man selbst gestalten und die Verantwortung dafür tragen, von diesem Weg nicht allzu weit abzukommen.

Bevor ihr Weg sie weiter nach Hollywood führen sollte, darf das Benno Raabe Jazz-Trio kurz für eine musikalische Untermalung einer Pause sorgen. In dieser ersten halben Stunde hat Marianne Sägebrecht ihr halbes Leben ausgebreitet und immer wieder betont, wie sehr ihr Menschen am Herzen liegen. Dass dies keine bloße Floskel ist, sondern tatsächlich ihr Antrieb ist, wird während des ganzen Gesprächs immer wieder deutlich. „Ich bin eine Umarmerin“, meint die Bayerin, für die Berührung nicht nur für die seelische, sondern auch die körperliche Gesundheit eine große Rolle spielt.

Nach der kurzen Pause führt der Gesprächsfaden nach Hollywood. Der deutschen Schauspielerin stand damals die Welt offen. Mit „Zuckerbaby“; „Rosemary goes shopping“ oder „Out of Rosenheim“ eroberte sie die USA – umso unverständlicher für viele, dass sie danach nicht dort geblieben ist. Denn obwohl sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach, hatte sie das gewisse Etwas. „Ich war das gestandene Weib, aber mit mädchenhafter Seele“, sagt Sägebrecht lachend. Vor allem aber ließ sie sich nichts sagen. Wenn sie die Möglichkeit hatte, sich einzubringen in die Gestaltung ihrer Rolle, dann habe sie das getan. „Die Entscheidung lag am Schluss aber beim Regisseur allein.“ Aber eigentlich auch bei ihr, denn sie hat sich danach entschieden, nicht in den USA zu bleiben. Nicht mit Woody Allen zu arbeiten und keine Serie zu den Erfolgsfilmen zu machen. „Das Größte, das ich je erschaffen habe, ist meine Tochter“, sagt Marianne Sägebrecht. Wie also hätte sie das Mädchen und ihre eigene Mutter noch länger alleine lassen können?

Nach einem weiteren Einspieler des Benno Raabe Jazz-Trios springt Herbert Fandel, der sich während des Gesprächs weitestgehend zurückhält und nur ab und an wieder in die richtige Richtung lenkt, ans Ende des Lebens. Denn Marianne Sägebrecht, die dank ihres festen Glaubens keinerlei Angst vor dem Sterben hat, ist seit zwei Jahren Patin eines Hospizes und liest und singt alle zwei Monate mit den Patienten. „Die sagen langsam schon ‚Vorsicht, die Sägebrecht kommt und hält eure Hände’“, erzählt sie mit zwinkerndem Auge und betont wieder, wie wichtig Berührungen sind. Passend hierzu hat sie auch ein Buch geschrieben. „Ich umarme den Tod mit meinem Leben“ erzählt aber nicht nur vom Sterben, sondern auch viele andere kleine Geschichten vom Leben und von Menschen, denen sie begegnet ist.

Dass diese Begegnungen auch mit 74 noch nicht aufhören sollen, dafür sorgt der volle Terminkalender der Schauspielerin. „Es ist wunderbar zu sehen, wie sehr Sie mit voller Leidenschaft hinter den Sachen stehen, mit denen Sie sich identifizieren können“, sagt Herbert Fandel kurz vor Abschluss und bedankt sich herzlich für die Einblicke – ebenso wie das Publikum mit großem Applaus. Die Sägebrecht hätte sicherlich noch anderthalb Stunden weiter erzählen können. Einige Besucher konnten im Anschluss noch mit ihr ins Gespräch kommen und die herzliche, bodenständige Frau mit den großen Gesten aus der Nähe kennenlernen.

Der nächste „Einblicke“-Talk führt Herbert Fandel am 21. November mit Margot Käßmann.