"In Kall finden Sie die ganze Welt"

Kall · Seit einiger Zeit hat Schriftsteller Norbert Scheuer einen Rückzugsort in Kyllburg. Darüber und über sein Schreiben spricht der in Prüm geborene Autor im Interview mit unserem Mitarbeiter Stephan Everling.

Kall. Wenn sich Norbert Scheuer zum Interview hinsetzt, dann fast immer in einem Café in Kall (Kreis Euskirchen) - auch dieses Mal, aus Anlass des neuen Buchs.

Es hält sich das Gerücht, dass hier die Bücher von Norbert Scheuer entstehen, doch das ist so nicht ganz richtig...
Norbert Scheuer: Studien belegen zwar, dass ein gewisser Geräuschpegel sich anregend auswirkt. Aber meine Bücher entstehen schon am Schreibtisch. Allerdings notiere ich mir viele Ideen, die mir hier oder bei der Fahrt im Zug kommen, doch erst später ausgearbeitet werden.

Sie sind bekannt geworden durch Ihre Romane, im neuen Buch schreiben Sie kurze Texte...
Scheuer: Gedichte sind für mich die schönste Form des Schreibens. Bei Romanen befindet man sich über Jahre in einem Schwebezustand. Doch bei Gedichten weiß man schnell, was es werden wird. Zuerst dachte ich auch, kurze Texte könnten nebenbei gemacht werden, doch sie verlangen genauso viel Aufmerksamkeit wie ein langer Text.
Wieviel Kall findet der Leser eigentlich in Ihren Werken?
Scheuer: Ich bin kein Chronist. Sie können nicht mit meinen Büchern durch Kall gehen und die Dinge eins zu eins übertragen. Aber in Kall finden Sie die ganze Welt, hier finden Sie auch Burkina Faso. Sie finden Arme, Reiche, Muslime. Und deshalb kann ich meine Geschichten so gut in einem Ort ansiedeln, den ich Kall nenne. Es ist die literarische Heimat meiner Figuren, doch es ist nicht das Kall, das wir dort draußen sehen.

Sie sind halbtags noch angestellt bei der Telekom. Ist das Inspiration oder Hindernis für Ihr Schaffen?
Scheuer: Beides. Einerseits würde ich mich gerne fünf Tage die Woche mit Literatur beschäftigen, doch ich erhole mich auch bei der Arbeit vom Schaffensprozess. Es sind auch andere soziale Zusammenhänge, als ich sie im Literaturbetrieb erlebe. Und die Arbeit bedeutet auch finanzielle Unabhängigkeit.

Seit einiger Zeit haben Sie auch ein kleines Refugium in Kyllburg. Stimmt das?
Scheuer: Ja, das stimmt. Eigentlich war beabsichtigt, dass es ein Rückzugsort wird, an dem völlige Ruhe herrschen soll. Doch neulich war mein Sohn dort, und der hat als erstes einen Fernseher installiert. sev