"Integration beginnt im Kopf"

"Integration beginnt im Kopf"

NEUERBURG. Das Staatliche Eifel-Gymnasium in Neuerburg arbeitet nach einem einzigartigen Konzept. Der Anteil der Schüler, deren Muttersprache nicht deutsch ist, liegt bei 40 Prozent. Integration wird daher groß geschrieben – mit Erfolg.

Der Einzugsbereich des Neuerburger Eifel-Gymnasiums erstreckt sich auf ganz Rheinland-Pfalz, denn das "Neuerburger Modell" funktioniert. Das ist auch die Meinung von Günter Scheiding, seit knapp einem Jahr Schulleiter des Eifel-Gymnasiums. Mit der Thematik hat sich der Lehrer für Sport, Theologie und russische Sprache zuvor in seiner fünfjährigen Dienstzeit (1996 bis 2001) am Eifel-Gymnasium auseinander setzen können. Das Modell fördert seit 1989 Aussiedlerkinder aus den Ländern der früheren Sowjetunion und Polen, aber auch Migranten aus anderen Ländern. Anna Sylkina, Tetyana Vaysman und Denis Lyutenko gehören zu den Migranten, die vor zwei beziehungsweise drei Jahren zum Eifel-Gymnasium gekommen sind. Die beiden Frauen, 20 und 21 Jahre alt, sind Ukrainerinnen, der 19-jährige Denis besitzt die russische Staatsangehörigkeit. Während der Woche wohnen sie im Internat der Schule. Ihre Zukunft sehen alle Drei in Deutschland. Nach dem Abitur möchten sie studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren. Das Erlernen der deutschen Sprache ist für sie sehr wichtig. "Die Integration beginnt im Kopf", sagt Anna und meint, "man muss sie auch wollen." Als äußerst hilfreich für die Integration sehen die jungen Leute gemeinsame Unternehmungen an, wie zum Beispiel die Klassenfahrt nach Italien oder die Ski-Freizeit in Bayrischzell. Für Denis ist die gemeinsame Arbeit ein wichtiger Aspekt. Manchmal fällt es ihm jedoch schwer, mit seinen russisch sprechenden Kameraden deutsch zu reden. "Gefühle äußern ist sehr schwer in deutsch", meint er. Einen "Deutschsprech-Zwang" gibt es auf dem Schulhof nicht. "Aber wir haben uns geeinigt, dass aus Gründen der Höflichkeit deutsch gesprochen wird, sobald jemand dabei ist, der die russische Sprache nicht versteht", sagt Günter Scheiding, "im Gegenzug verzichten die Einheimischen auf ihr ,Platt‘, wenn Migranten anwesend sind." Das aktuelle Thema "Gewalt an Schulen" sieht der Schulleiter gelassen. Seine Meinung: Streit und auch Handgreiflichkeiten hat es schon immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben. "Aber Prügeleien gehen bei uns nicht über Nationalitäten hinweg", sagt er, "sondern finden eher in den eigenen Reihen statt." Auch Anna hält Gewalt an Schulen nicht für ein Integrationsproblem, sondern für persönliche Animositäten. Das gute Lernklima an der Schule sei davon aber nicht betroffen. "Darüber sind wir sehr glücklich", sagt Scheiding, "es ist unsere Aufgabe, die jungen Leute auf die Gesellschaft und auf das Berufsleben vorzubereiten." Um dieses Ziel zu erreichen, bietet das Eifel-Gymnasium den Migranten zunächst einen sechsmonatigen Sprachkurs an. Voraussetzung ist ein Schulabschluss in ihrem Herkunftsland, der mit dem deutschen Hauptschulabschluss vergleichbar ist. Nach dem Sprachkurs findet eine Schullaufbahnempfehlung seitens der Schule und individuelle Beratung der Jugendlichen durch die Arbeitsagentur statt. Für Schüler, die das Abitur anstreben, folgt ein sechsmonatiger Kurs in einer so genannten Übergangsklasse. Danach sind sie sprachlich in der Lage, gemeinsam mit einheimischen Schülern am Unterricht der zehnten Klasse oder an der gymnasialen Oberstufe teilzunehmen. Das Resultat des Programms spricht für sich: von den 72 diesjährigen Abiturienten waren 38 Aussiedler und Migranten. Das beste Abitur mit der Gesamtnote 1,3 hat eine Schülerin aus Vietnam abgelegt, die im Februar 2002 mit dem Sprachkurs in Neuerburg begonnen hatte.

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