Interview mit Sabine Frank, einzige Lichtschutzbeauftragte im Land

Kostenpflichtiger Inhalt: Interview mit Sabine Frank“ : „Wir sind in der Nacht mit viel zu viel Licht-PS unterwegs“

Sabine Frank ist beim Landkreis Fulda (Hessen) angestellt. Sie ist damit die einzige Lichtschutzbeauftragte in Deutschland. Der Volksfreund hat mit ihr darüber gesprochen, wie Lichtverschmutzung gebremst werden kann.

Fulda/Trier Lichtverschmutzung ist ein Thema, das zunehmend an Bedeutung gewinnt. Dank der LED-Technik wird es nachts immer heller. Das ist nicht nur ein Problem für Astronomen und Sternengucker. Menschen schlafen immer weniger und schlechter. Tiere und Pflanzen sind ebenfalls betroffen, da sie Jagd- und Lebensräume verlieren. TV-Redakteur Alexander Schumitz hat mit Sabine Frank gesprochen. Sie betreut den Sternenpark Rhön und ist Deutschlands einzige Lichtschutzbeauftragte.

Sie sind Deutschlands einzige Lichtschutzbeauftragte. Wie hat sich das ergeben?

Sabine Frank: Der Job steht im Zusammenhang mit der Entstehung des Sternparks Rhön. Weil die Rhön sehr groß ist, war bald klar, dass seine Betreuung nicht nebenher zu machen ist. Es geht um Fragen des Baurechts, des Naturschutzrechts, um Artenschutz und um das Thema Energie. Es gibt Gespräche mit den Verursachern der Lichtemissionen und man berät die Kommunen. Als Lichtschutzbeauftragter braucht man weitreichende Kompetenzen und muss sich mit den benachbarten Kommunen austauschen.

Welche Qualifikation, außer der Liebe zur Nacht, braucht es, um Lichtschutzbeauftragte zu werden?

Frank: Man muss nicht unbedingt Astronom sein (lacht). Was man jedoch auf jeden Fall braucht, ist ein tieferes Verständnis für die Nacht. Es gibt in Deutschland viele Naturschutz-Programme und Naturparkflächen. Aber: Das Thema Nacht spielt trotzdem nie eine Rolle. Null! Es ist so, als ob es Naturschutz nur am Tag gebe. Und man muss sich mit Technik auskennen. Wichtig ist auch, gut zu kommunizieren und Brücken bauen zu können. Und dann darf man Konflikte nicht scheuen. Duckmäuser haben es in dieser Position schwer.

Was haben Sie gemacht, bevor Sie die Nachtbeauftragte des Landkreises Rhön wurden?

Frank: Ich habe Sozial- und Kulturwissenschaften studiert und habe mich im Studium aus soziokultureller Perspektive mit dem Thema Lichtverschmutzung beschäftigt. Ich habe sogenannte Angsträume untersucht: Licht und Sicherheit, Frauen in der Nacht, Angst machen vor der Dunkelheit. Vieles dazu basiert auf falschen Annahmen und hält keiner Statistik oder Untersuchung stand. Licht und Lichtverschmutzung sind Themen, die auf vielen Ebenen berühren. Als man mich fragte, ob ich es mir zutraue, mich mit dem Thema Vollzeit zu beschäftigen, sagte ich zu. Um allen Aufgaben gerecht zu werden, braucht es eine Vollzeitstelle. Die Stelle kam zur richtigen Zeit, als LED-Lichter aufkamen. Wir konnten von Anfang an gegensteuern und gleich die Standards für unsere Region setzen.

Warum ist es so wichtig, die Nacht dunkel zu halten? Welche Auswirkung hat zu viel Licht auf Mensch und Natur?

Frank: Alle Lebewesen und Zellen haben einen Tag-Nacht-Rhythmus. Der kann durch Kunstlicht zerstört werden. Im Gegensatz zur Natur können wir Menschen uns der Lichtverschmutzung entziehen. Wir gehen ins Haus, lassen die Rollos runter und machen, was wir wollen. Falsches Licht – solches mit zu hohem Blauanteil – beeinflusst massiv unseren Hormonhaushalt. Der Körper produziert dann kein Melatonin, wodurch unser Schlaf qualitativ schlechter wird.

Lichtverschmutzung umfasst drei Phänomene: die Blendung, die nachbarschaftliche Störung nach dem Emissionsschutzgesetz und die Aufhellung. Die Blendung kennen wir alle – etwa aus dem Straßenverkehr. Zwar hält das Argument Straßenverkehrssicherheit oft als Begründung für die Straßenbeleuchtung her. Die ist aber ebenfalls gefährdet, wenn zu viel Fremdlicht vom Straßenrand oder Gaga-Beleuchtung von Unternehmen auf die Straße scheint.

Fataler ist die Lichtverschmutzung für Tiere, denn sie können sich ihr nicht entziehen. Und wenn wir etwa anfangen, die Gärten zu beleuchten, machen wir ihre Lebensräume kaputt. Bäume und Sträucher fallen beispielsweise als Brutstätte für Vögel weg. Um bei dem Beispiel Vögel zu bleiben: Sie haben etwa dünne Augenlider und werden viel zu früh wach, weil schon wenig Helligkeit ausreicht, sie zu wecken. Das heißt, Tiere, die nachts ruhebedürftig sind, finden augenscheinlich weniger Erholung, wenn sie unter einer Lichtglocke leben. Nachtaktive Tiere brauchen kein Licht. Durch das Licht verlieren sie ihre Orientierung, verändern ihr Beute- und ihr Jagdverhalten. Auch werden ihre Fortpflanzungszyklen gestört.

Deshalb fordern wir Nachtschützer ein Lichtschutzgesetz. Die aktuellen Normen definieren nur Min­destanforderungen. Beim Thema Lichtverschmutzung bräuchten wir aber Höchstwerte.

Welche Schritte können Kommunen unternehmen, damit weniger Licht in den Nachthimmel gelangt?

Frank: Erstens setzt man nur voll abgeschirmte Leuchten ein. Man muss sich also mit dem Thema Lichtlenkung beschäftigen. Also: Wie bekomme ich das Licht dorthin, wo ich es haben will? Die Kommunen sollten sich auch die Lichtverteilungskurve ihrer Lampen anschauen. Die Maxime ist: Kein Licht in den oberen Halbraum. Zweitens sollten sie bei der Lichtfarbe darauf achten, dass die Blauanteile reduziert sind. Das ist der Teil des Lichtspektrums, der das Licht hell und grell macht. Das sind künstlich geschaffene Zonen, in denen für die Tiere nichts mehr geht.

Deswegen stellen wir im dritten Schritt immer die Frage, wie viel Licht tatsächlich gebraucht wird. Hier verweisen die Techniker zu schnell auf die entsprechenden DIN-Normen. Ein Argument mit dem sich die Kommunen zu schnell abspeisen lassen, obwohl sie nicht verpflichtend sind. Es gibt einen riesengroßen Handlungsspielraum, der den Kommunen oft nicht bewusst ist. Wir haben ein Dorf komplett auf orange-gelbes Licht umgestellt. Die Bürger, die dort leben, sind total glücklich. Es ist ein viel romantischeres Licht.

Wie reagieren denn die Kommunen auf diese Schritte?

Frank: Die meisten reagieren sehr positiv. In der Rhön haben die Bürgermeister das Thema mittlerweile verstanden. Oft wird noch das Thema Lichtverschmutzung als eine der Hauptursachen für das Insektensterben unterschätzt. 64 Prozent der Säugetiere sind nachtaktiv. Wenn man einen Blick auf die in Deutschland bedrohten Säugetierarten wirft, stellt man fest, dass man viel für ihren Schutz macht. Schauen wir uns aber die Programme für Biber, Luchs oder Wildkatze an, findet sich kein einziges Wort über ein nötiges Lichtregime. Wir betreiben hier einen Teilzeit-Naturschutz. Im Naturpark Rhön geben wir hier mittlerweile die Standards vor. Wir sind in der Nacht zu oft mit zu viel Licht-PS unterwegs.

Und wie reagieren die Menschen bei diesem Thema?

Frank: Ich merke, dass sie sensibler werden. Wir nehmen auf unsere nächtlichen, astronomischen Exkursionen viele Menschen mit. Es mag sein, dass mancher dies für Firlefanz hält. Oft gibt es aber das Feedback, dass es den Menschen nachts zu hell ist. Die Menschen finden es cool, hier zu wohnen. Das ist eine klare Aufwertung der Region. Wir haben spezielle Himmelsschauplätze. Wir wollen zeigen, dass die Nacht per se nicht etwas Böses ist, sondern sie auch schützt, weil sie sich wie ein Mantel um einen legt.