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Junge Frau täuscht Krebserkrankung vor: Amtsgericht Bitburg fällt Urteil

Justiz : Junge Frau täuscht Krebserkrankung vor

Gefälschte Arztberichte, falsche Diagnosen und Behandlungen im Wert von etwa 30 000 Euro: Wegen Urkundenfälschung und Betrug hat das Amtsgericht Bitburg eine 25-Jährige zu sieben Monaten auf Bewährung verurteilt.

„Irgendwann war der Teufelskreis so groß, dass ich nicht mehr wusste, wie ich rauskommen sollte“, erklärt die Angeklagte in ihrer Aussage vor dem Amtsgericht Bitburg unter Tränen.

Im Jahr 2018 erzählt sie ihrem Umfeld, sie habe Krebs. Eine Lüge, die sich von dort an verselbstständigte. Das Gericht sieht zum Ende des Verhandlungstags als erwiesen an, dass sie Arztberichte -und briefe gefälscht hat, auch Rezepte für Medikamente hat sie erhalten und mit Vereinen korrespondiert, die schwerkranken Menschen Lebensfreude schenken und ihren letzten Wunsch erfüllen möchten. In Zusammenarbeit mit einer Klinik wird für sie sogar ein Konzertbesuch organisiert. „Eine Bekannte hat den Kontakt hergestellt. Ich wollte das alles gar nicht“, sagt die Angeklagte aus.

Um ihr Lügenkonstrukt aufrechtzuerhalten, unterzieht sie sich sogar einer Chemotherapie. Staatsanwalt Holger Schmitt ist „verstört“ über diesen Schritt und fragt nach den Gründen, um die Motivation der Angeklagten nachvollziehen zu können. Auch Strafrichter Christian Scholz steht vor einem Rätsel. „Wie kommt man dazu, sich selbst einer Chemotherapie zu unterziehen?“, fragt er die Angeklagte.

Ein Thema, das die 25-Jährige sichtlich mitnimmt. Sie wolle eine „ehrliche und authentische“ Antwort geben, aber nicht „mit 20 Leuten im Rücken“. Da es sich jedoch um eine öffentliche Sitzung handele und die Hintergründe für eine gerechte Strafe wichtig seien, wie Staatsanwalt Schmitt erklärt, sagt die junge Frau schließlich doch detailliert aus.

Psychische Probleme, aber auch das Gefühl, nicht von ihrer Familie geliebt zu werden, haben sie zu diesem Entschluss geführt. Sie sei früh ausgezogen, es habe wegen ihrer Ausbildung ständig Reibereien gegeben. Durch die plötzliche Zuwendung habe die 25-Jährige endlich Liebe erfahren. Die Menschen, die es gut mit ihr meinten, sollten kein schlechtes Bild von ihr bekommen. „Heute weiß ich: Man kann die Sachen anders klären“.

Dafür habe sie regelmäßig Sitzungen mit einem Stressbewältigungscoach. Um zu lernen, anders mit Situationen umzugehen und sich selbst zu verzeihen. Trotzdem möchte sie für ihre Taten geradestehen. „Ich weiß, dass die Fehler absolut scheiße waren. Ich hab’s verbockt, jetzt stehe ich dazu.“

Heute gehe es ihr, abgesehen von der Verhandlung, wieder besser. Sie arbeite als Krankenschwester in Teilzeit, habe eine Wohnung und ein soziales Umfeld. Lediglich die Rückzahlung an ihre Krankenkasse sei noch nicht geklärt.

Staatsanwalt Schmitt fordert in seinem Schlussplädoyer eine Freiheitsstrafe mit Aussicht auf Bewährung. Zwar habe die Angeklagte ihre Motivation glaubhaft geschildert und stehe auch zu ihren Fehlern. Trotzdem seien Ressourcen wie Zeit, Zuwendung und Medikamente für wirklich erkrankte Menschen durch sie verloren gegangen.

In seine Entscheidung bezieht Straf­richter Christian Scholz sowohl die Situation der Angeklagten als auch den hohen finanziellen Schaden, der durch Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte und Medikamente zustande gekommen ist, mit ein. Er verurteilt die 25-Jährige zu sieben Monaten Freiheitsstrafe. Diese Strafe konnte in „diesem besonderen Fall“ jedoch zur Bewährung ausgesetzt werden. Ein Bewährungshelfer würde ihr zur Seite gestellt werden.

Die Bewährungszeit beträgt drei Jahre. In dieser Zeit dürfe sie sich nun nichts zuschulden kommen lassen. Eine Geldstrafe in Höhe von 1500 Euro müsse die Krankenschwester an eine Einrichtung spenden. Ohne Widerworte ist die Angeklagte mit der Strafe einverstanden, damit ist das Urteil rechtskräftig.

Scholz ist zuversichtlich, die junge Frau nie mehr im Gerichtssaal begrüßen zu müssen, und spricht ihr Mut zu: „Es dauert, aber auch in der Eifel wächst Gras über die Sache.“

Nach der Verhandlung richtet sich die 25-Jährige direkt an das Publikum im Raum. „Ich habe meine Fehler eingesehen. Ich hoffe, dass ich eine zweite Chance bekomme.“