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Katholische Kirche will mehr religiöse Erziehung

Trier/Bitburg/Prüm. Ein tägliches Gebet, mit Puppen Bibelgeschichten nachstellen und beim draußen Spielen die Schöpfungsgeschichte hören: Die Kirche legt in ihren Kindertagesstätten auf die religiöse Erziehung der Kinder großen Wert. Bis 2015 will das Bistum Trier die religiösen Leitlinien seiner Kitas verschärfen. Der TV hat nachgehört, was dahinter steckt. Christiane Wolff und Mandy Radics

Trier/Bitburg/Prüm. Religion und Glaube sind fester Bestandteil im Alltag der Kinder, die eine Kindertageseinrichtung (Kita) in katholischer Trägerschaft besuchen. Auch das gemeinsame Gebet am Mittagstisch gehört zum Alltag - und das nicht nur als Ritual: "Im Gebet geht es ganz klar um die Beziehung zu Gott, sonst wäre es kein Gebet", erklärt Aloys Perling, Religionspädagoge und Leiter der Abteilung Erziehung und Beratung beim bischöflichen Generalvikariat.
Umfangreicher Katalog



Das Bistum will das religiöse Profil seiner Kitas weiter schärfen. Bis 2015 müssen Einrichtungen einen umfangreichen Kriterienkatalog umsetzen (der TV berichtete). Die Inhalte sind größtenteils allgemein pädagogisch (zum Beispiel "In katholischen Kindergärten erleben die Kinder verlässliche Beziehungen"), bildungspädagogisch ("In katholischen Kindergärten spielt die sprachliche Kompetenz eine wichtige Rolle.") oder beziehen sich auf die Zusammenarbeit mit den Eltern ("In katholischen Kitas werden Eltern als Kunden gesehen."). Zum Kriterienkatalog gehören allerdings auch eine Vielzahl religiöse, kirchliche, missionarische und pastorale Inhalte, wie "In katholischen Kitas wird mit den Kindern der Glaube im Alltag entdeckt, gedeutet und bewusst gestaltet" (siehe Extra "Kriterien").
Insgesamt gibt es im Eifelkreis Bitburg-Prüm 56 Kitas. 29 Einrichtungen sind in kommunaler Trägerschaft, 24 in kirchlicher und drei in sonstiger Trägerschaft (Lebenshilfen Bitburg und Prüm sowie Vinzenzhaus Speicher). Zwar kann das Jugendamt nicht sagen, wie viele Kindergartenkinder nichtkatholisch sind. Zum 31. Dezember 2011 wurden dem Amt jedoch von den 56 Einrichtungen 348 ausländische Kinder und 164 Kinder von Aussiedlerfamilien gemeldet.
80 Prozent Steuergelder



Doch nicht nur für manche nichtkatholischen, sondern auch für nichtreligiöse Eltern ist die starke Präsenz der Kirche bei den Kitas ein Problem: "Aus Sicht der Kirche ist es zwar legitim, in ihren Kitas Glaubensinhalte vermitteln zu wollen", sagt Chris Schmidt. "Aber wir wollen unsere Tochter humanistisch erziehen, wir möchten nicht, dass unser Kind in einer Kita religiös geprägt wird", argumentiert der 30-jährige Vater, der demnächst mit seiner Familie ins Trierer Land ziehen will. "Aber in unserem neuen Wohnort werden wir gar keine andere Möglichkeit haben, als unsere Tochter in einen katholischen Kindergarten zu geben." Dass Kitas in kirchlicher Trägerschaft zu etwa 80 Prozent aus Steuergeld finanziert werden (siehe Extra) ist für Schmidt ein weiteres Argument gegen deren deutliche katholische Ausrichtung: "Wenn die Kirche ihre Kitas komplett selbst finanzieren würde, hätte sie auch das volle Recht, ihre Inhalte dort zu vermitteln. Aber die Einrichtungen sind mit öffentlichem Geld finanziert - das Angebot der Kitas muss daher offen sein und für alle geeignet."
"Nicht zum Gebet gezwungen"
Selbstverständlich würde in den Kitas des Bistums "kein Kind zum Gebet gezwungen", betont Religionspädagoge und Bistumsvertreter Perling. Bei den Aufnahmegesprächen werde mit den Eltern klar besprochen, ob und in welcher Form eine religiöse Erziehung für die Kinder gewünscht wird.
Stellt man sich die Praxis vor, bedeutet das, dass einzelne Kinder das kleine Gebet am Mittagstisch nicht mitsprechen oder beim Nachspielen von Bibelszenen mit Puppen nicht mitmachen dürfen - was eine Ausgrenzung aus der Gruppe bedeutet.
Die katholische Kirche, die seit Jahren unter Mitgliederschwund leidet, nutzt ihre Kitas offenbar auch für missionarische Zwecke: So sollen die Kriterien auch dazu dienen, "die große pastorale Chance, die in der Arbeit der Kindertageseinrichtungen liegt, gewinnbringend für Kinder, Eltern und Pfarrgemeinden" zu nutzen, erklärte Triers Ex-Bischof Reinhard Marx in einem Vorwort zum ersten Entwurf des Rahmenleitbilds 2007.Extra

Bis 2015 müssen die katholischen Kitas im Bistum das neue Leitbild umgesetzt haben. Ein großer Teil der Kriterien dafür sind nicht religiöser Art, sondern betreffen etwa die allgemeine Pädagogik, die Zusammenarbeit mit den Eltern und die Mitarbeiterführung. Viele weitere Handlungsanweisungen sind religiös und kirchlich geprägt. Nach dem stets gleichen Satzbeginn "In katholischen Kitas …." heißt es da zum Beispiel: "… bilden die Fragen der Kinder eine Grundlage religiöser Bildung und Erziehung", "… lernen die Kinder unterschiedliche Formen persönlicher und gemeinsamer Gebete kennen", "… wird das Kirchenjahr mit Festen, Gottesdiensten und religionspädagogischen Angeboten gefeiert", "… machen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihren täglichen Begegnungen miteinander, mit den Kindern und Eltern die Botschaft Jesu erfahrbar", "… findet eine Orientierung an Jesus Christus, an vorbildhaften Menschen in der Bibel, an vorbildhaften Menschen der Kirchengeschichte und der Gegenwart statt". Der komplette Kriterienkatalog kann im Internet unter www.caritas-trier.de/68788.html eingesehen werden.wocExtra

Das Bistum Trier unterhält im Eifelkreis Bitburg-Prüm insgesamt rund 24 Kindertagesstätten. Auf der Grundlage der zuletzt geprüften Verwendungsnachweise 2011 betragen die Personalkosten der Einrichtungen, bei denen das Bistum an den Personalkosten beteiligt ist (inklusive Vinzenzhaus Speicher), insgesamt 12 107 261 Euro. Hiervon trägt das Land einen Anteil in Höhe von 4 162 563 Euro, der Träger 1 086 327Euro, die Eltern der Krippen- und Hortkinder 98 895 Euro. Die restlichen Kosten trägt der Eifelkreis im Rahmen der Restkostenverpflichtung, wobei er die Einzugsgemeinden der kirchlichen Kindertagesstätten im Rahmen ihrer Finanzkraft entsprechend beteiligt. Die Gebäude und Räume der katholischen Kitas sind in der Regel im Besitz des Bistums. An Sanierungskosten beteiligt sich das Bistum mit höchstens 35 Prozent, 65 Prozent tragen Stadt und Land. Umbauten, die mit dem derzeitigen Ausbau der Kita-Kapazitäten zusammenhängen, tragen alleine Stadt und Land. Insgesamt lässt sich das Bistum seine 540 Kitas jährlich rund 30 Millionen Euro kosten. Bischof Ackermann hat angekündigt , dass diese Summe um drei Millionen Euro gekürzt wird (der TV berichtete). woc/MRAExtra

Der Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses Bitburg-Prüm, Michael Billen, sieht das neue Leitbild positiv: "Wenn ich wie die Katholische Kirche einen Teil der Kosten zahlen würde, würde ich das ebenfalls so machen. Meiner Meinung nach wird die Erziehung durch die neuen Leitlinien nicht schlechter, sondern besser. Desweiteren muss ich sagen, dass bei uns die Trägervielfalt gewährleistet ist. Etwa die Hälfte der Kitas liegt in kirchlicher Hand. Wenn Eltern ihre Kinder nicht in einem katholischen Kindergarten erziehen lassen möchten, würden wir eine Lösung finden." MRA