Kein Platz am Himmel für Weihnachtsengel

Kein Platz am Himmel für Weihnachtsengel

Es ist Sonntag, der 24. Dezember 1944, "Heiligabend". Die Kriegsfront ist nah. Bomberpulks fliegen über das Dorf, sie laden ihre zerstörende, todbringende Fracht über Bitburg ab. Schwarze Rauchwolken verdunkeln den Himmel über der Stadt. Unser Vater ist in Russland. Vor Tagen erhielten wir einen Brief von ihm. Er schreibt, dass er an Weihnachten nicht heim darf. Seit 1939 ist er Soldat und hatte bisher an Weihnachten immer Urlaub. Wir alle, besonders unsere Mutter, sind sehr bedrückt. Vater hat bisher immer den Weihnachtsbaum geschmückt. Weil er aber nicht daheim sein kann, fühle ich mich dafür verantwortlich, denn immerhin bin ich schon 13 Jahre und der Älteste von uns fünf Geschwistern. Es ist Abend geworden. Meine Geschwister schlafen schon und träumen sicherlich vom Christkind. Vor Tagen habe ich ein Tannenbäumchen besorgt und es auf seinem Platz in der kleinen Stube aufgestellt. Mutter arbeitet in der Küche, und ich bin dabei, die herrlich bunten Kugeln an den Fichtenzweigen zu befestigen. Es klopft an der Tür und herein tritt ein junger Soldat. Er steht da in seiner verdreckten Uniform, ohne Mantel, ohne Mütze, ohne Helm, ohne Waffe und bittet um ein Nachtquartier. Mutter bietet ihm unser Sofa als Nachtlager an und geht in die Küche, um etwas Essbares anzurichten. Derweil setze ich mich mit dem Soldaten an den Tisch und will ganz genau wissen, wo er herkommt und wo er hinwill. Hart sind seine Gesichtszüge, als er erzählt: "Am frühen Morgen sind wir mit einer JU aufgestiegen, 17 Fallschirmjäger waren an Bord. Im Aachener Raum sollten wir zum Einsatz kommen. Englische Spitfirejäger haben unsere Maschine in Brand gesetzt und abgeschossen. Einen der 16 Kameraden habe ich nach dem Absprung am Boden wieder gefunden. Wir gelangten nach Bitburg. Dort habe ich meinen Kameraden heute Nachmittag beim Bombenangriff aus den Augen verloren." Und leise fährt er fort: "Mein Vater ist seit Jahren tot. Meine Mutter und Schwester starben in einer Bombennacht. Ich fühle mich allein und einsam und will so schnell wie möglich zurück an die Front." Während ich weiter den Christbaum schmücke, isst er die von Mutter aufgetischten Bratkartoffeln und schlürft das aus selbst gerösteter, gemahlener Gerste gebraute Getränk, das wir Kaffee nennen. Er starrt auf den Tannenbaum, und man kann unschwer erkennen, dass er mit seinen Gedanken weit weg ist. Ob er wohl an seine Mutter, seinen Vater, seine Schwester, an seine Kindheit denkt? Er legt sich auf das Sofa und zieht die Wolldecke über sich. Als Mutter und ich dann die Treppe hoch steigen, um schlafen zu gehen, bemerke ich, dass sie leise weint. Es ist keine "Stille Nacht", diese "Heilige Nacht". Nicht alles schläft, sehr viele wachen. Von der Straße her dröhnt der Lärm der Panzer und Fahrzeuge, die Richtung Front fahren. Die Militärpolizei ordnet den Verkehr auf der Prümbrücke. Immer wieder hört man Kommandos und den Ruf "Licht aus!". Licht ist sehr gefährlich, denn jedes erkennbare Ziel greifen die Jabos an, die auch in der Heiligen Nacht überall sind und die selbst für Weihnachtsengel am Himmel keinen Platz lassen.Am Weihnachtsmorgen, es ist noch dunkel, verabschiedet sich unser Soldat. Er steigt in ein Sani-Fahrzeug und fährt zur Westfront, ohne Mantel, ohne Mütze, ohne Helm und ohne Waffe.Wir aber dürfen uns freuen über den herrlichen Christbaum, über die Gaben, die uns das Christkind gebracht hat, über die Teller mit Gebäck, Äpfeln, Nüssen und Bonbons. Mutter singt mit uns "Stille Nacht, heilige Nacht". Wir beten gemeinsam zum Christkind für unseren Vater in Russland, der heute so gerne bei uns wäre. Am zweiten Weihnachtstag legen die Bomber Bitburg in Schutt und Asche. Unser Haus an der Prümbrücke ist zu gefährlich geworden. Wir packen das Notwendigste zusammen und flüchten mit vielen anderen aus dem Dorf nach Neumühle. Sehr vieles müssen wir zu Hause zurück lassen, auch den Christbaum. Als später die Brücke von den zurückweichenden deutschen Soldaten gesprengt wird, bleibt von unserem Haus nicht viel übrig. Dort, wo es stand, wächst heute Gras. STV-Leser Adolf Bales lebt heute in Oberweis. Nach dem Krieg erlernte er das Tischlerhandwerk und machte die Meisterprüfung. Nach einer Berufskrankheit war er bis zum Rentenalter Geschäftsstellenleiter der Provinzial Düsseldorf.