"Keine Reaktion von der Verwaltung"

"Keine Reaktion von der Verwaltung"

Als Epidemiologe untersuchen Sie auch Fakten, die für Menschen in der Nähe starker Emissionsquellen (etwa Flughäfen) zum Gesundheitsrisiko werden können. Ist das richtig so? Greiser: Seit 2004 habe ich im Auftrag des Umweltbundesamtes drei große Studien zu dem Thema erstellt.

Zwei betrafen die Auswirkungen des Flughafens Köln-Bonn auf die Bewohner des Umfelds. Im Ergebnis ließ sich feststellen, dass geeignete Dämmmaßnahmen, etwa Doppelfenster, das Risiko deutlich senken. In Bremen habe ich als Leiter des Instituts für Präventivforschung der Universität ein Krebsregister aufgestellt, außerdem eine Datenbasis für die Inhalte der Todesbescheinigungen. Die Erkenntnis war, dass das Gesundheitsrisiko durch Lärm für die gesamte Bevölkerung erheblich ist - erheblicher als bisher vermutet. Es zeigte sich, dass sowohl Straßenlärm, als auch Schienenlärm in der Nacht die Gesamtsterblichkeit erhöhen. Wenn sowohl Schienenlärm, als auch Fluglärm oder Straßenlärm gemeinsam auftreten, erhöht sich das Krankheitsrisiko für Lymphdrüsenkrebs und Leukämie. Auch die geplante Target World in Landscheid zählt derzeit zu Ihren Untersuchungsobjekten. Wie wurden Sie auf das umstrittene Vorhaben aufmerksam?Greiser: Wir wohnen in Musweiler, hören je nach Windrichtung auch heute schon die Schüsse von der bestehenden Landscheider Schießanlage. Verständlich, dass mich die Sache interessiert hat, als die Diskussion um die geplante Großanlage Target World begann. Und es gibt nicht so viele Epidemiologen in Deutschland, die sich mit dem Lärmproblem befassen. Sie kommen in einem Gutachten über die Anlage zu dem Schluss, dass der Schießsportbetrieb dort zu erheblichen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung führen würde. Können Sie dazu einige Zahlen nennen?Greiser: Das Problem ist die relativ schwache Datenbasis, die auf einem unzureichenden amtlichen Probeschießen durch das Landesamt für Umwelt und Gewerbeaufsicht der bestehenden Anlage beruht. Geschossen und gemessen wurde an nur einem Tag im April 2014. Der Emissionswert des alten Schießstandes wurde in Burg/Salm mit 48,7 dB(A) gemessen. Der Prognosewert für die neue Anlage erreicht bis zu 54 dB(A) - für Burg/Salm, also ein Plus von fünf dB(A), was fast der doppelte Lärmdruck ist. Landscheid und seine Nachbarorte haben heute schon ein Lärmproblem: der Militärflugplatz Spangdahlem und der Lärm der nahen A 60. Überlagert das die möglichen Target-World-Emissionen nicht einfach - oder schaukeln sich die verschiedenen Lärmquellen sogar gegenseitig hoch?Greiser: Verschiedene Lärmquellen, die sich überlagern, erhöhen das Gesundheitsrisiko. Da wird nicht die eine Lärmquelle von der anderen einfach "übertönt", sondern die Emissionen addieren sich. Je nach Ort und Prognoseszenarium kann das Erkrankungsrisiko der Bevölkerung bis zu 57 Prozent ansteigen. Was sagt die Verbandsgemeinde Wittlich-Land zum Ergebnis Ihres Gutachtens?Greiser: Bisher habe ich keine Reaktion von der Verbandsgemeindeverwaltung Wittlich-Land. Ein merkwürdiges Verhalten für eine Verwaltung: Einerseits will man ein "großes Schießkino" genehmigen, andererseits ist man nicht in der Lage, die Einwände dagegen zu widerlegen. Dabei wäre ich jederzeit bereit, das Thema mit den Herrschaften zu diskutieren. Ich finde das sehr befremdlich. Stimmt es, dass Sie bereits am 18. Mai zusammen mit Ihrer Schwester in der Verwaltung vorgesprochen hatten?Greiser: Das stimmt so, aber das Ergebnis des Gesprächs war gleich Null. Ich stellte nur fest, dass die sich seit Monaten noch gar nicht mit meinem Gutachten befasst hatten. Es hieß nur, die vielen Eingaben müssten zunächst sortiert werden - zu meinem Gutachten gebe es noch keine Meinungsbildung. Wir wurden also mit leeren Händen heimgeschickt. Ich finde, das ist langsam ein Skandal. f.k. Extra

Professor Eberhard Greiser ist 1938 in München geboren und hat Humanmedizin in Hamburg und Berlin studiert. 1975 Habilitation für Epidemiologie und medizinische Statistik an der Medizinischen Hochschule Hannover. Zwischen 1982 und 2004 war er Direktor des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin der Universität Bremen sowie Direktor des Bremer Krebsregisters. Seit 2004 emeritiert. Er ist Mitglied des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen. f.k.

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