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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht : Eine reife Liebe mit Hindernissen

Eines muss man Addie Moore lassen: Die Frau hat Mut. Den ebenfalls verwitweten Nachbarn Louis Waters zu fragen, ob er bei ihr übernachten will, ist schon ein Hammer. Prompt verschlägt es dem Mann, der ebenfalls in den 70ern ist, die Sprache.

Doch sie beruhigt ihn: Es  gehe nicht um Sex, sondern darum, nicht allein zu sein, „die Nacht zu überstehen. Es gemütlich und warm zu haben. Zusammen im Bett zu  liegen, die ganze Nacht“.Der Witwer muss über den Vorschlag nachdenken, aber nicht lange. Schließlich sind beide einsam, und wie Addie sagt, schon viel zu lange „sich selbst überlassen“.

Was sich dann aus der Paukenschlag-Eröffnung von Kent Harufs Roman „Unsere Seelen bei Nacht“ entwickelt, ist eine zarte Annäherung, aus der sich nach und nach eine Freundschaft und dann sogar eine Liebe entwickelt. Denn Louis und Addie kommen sich allmählich näher, erfahren Dinge über den anderen, die sie trotz 40-jähriger Nachbarschaft nicht wussten. Nachts, im Pyjama, vertrauen sie sich ihre Geheimnisse an: über ihre Beziehungen zu ihren verstorbenen Ehepartnern, über ihren Schmerz, ihre Wünsche.

Doch die Verbindung bleibt nicht lange geheim. Denn in der amerikanischen Kleinstadt Holt, in der beide leben, spricht sich alles schnell herum. Und so  mischen sich Bekannte, Freunde und Kinder in die Beziehung ein. Doch die Verbindung ist so stark, dass sie allem standhält. Aber dann passiert etwas in Addies Leben, dass sie zu einer Entscheidung zwingt ...

Kent Haruf schildert die reife Beziehung zweier lebenserfahrener Menschen unprätentiös und ohne romantischen Kitsch. Dennoch spürt man deren tiefe Verbundenheit. Aber der Gegenwind, der dem Paar in dem  2015 in den USA erschienenen Roman entgegenschlägt, macht traurig und nachdenklich. Ulrike Löhnertz

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht, 2019, Diogenes, ISBN 9783257244656.