Krähenkolonie ärgert die Prümer

Naturschutz : Auch in Prüm ziehen die Krähen ein

Prüm ist attraktiv für Neubürger. Über die Zugezogenen zwischen Bahnhofstraße und Kreuzerweg freuen sich viele aber nicht: Saatkrähen, hergeflattert aus der Kolonie im Süden der Stadt.

„Die machen einen Lärm wie verrückt. Und die sind so klug, das ist unglaublich“, sagt Stadtbürgermeisterin Mathilde Weinandy. Sie spricht von den Krähen, die seit einiger Zeit in den Bäumen zwischen Bahnhofstraße und Kreuzerweg hausen. Wenn ein solcher Vogel mal eine Nuss nicht aufbekomme, dann lege er sie vor einen Autoreifen und warte, bis der Wagen losrollt.

Stimmt, aber sie sind eben nicht nur schlau, sondern auch laut. Und machen Dreck. Einige Anwohner in den beiden Straßen haben bereits auf die gefiederten Neu-Prümer hingewiesen und gefragt, was man da, vor allem wegen des Lärms, unternehmen könne.

Sollte man etwas tun können, wird es ohnehin nicht einfach: Wo die Vögel in den Bäumen sitzen, ist steiles Gelände. Arbeitsgerät ist da fast nicht hinzubekommen. Davon abgesehen, sagt Mathilde Weinandy, traue sie sich auch nicht, jemanden mit der Motorsäge in den Hang zu schicken, um die Bäume zu kappen: „Dann fallen die Nester runter, und es gibt eine Anzeige.“

Die Stadtbürgermeisterin hörte deshalb im Forstamt Prüm und bei der Kreisverwaltung in Bitburg nach. Gleichlautende Antwort von Peter Wind (Forstamt) und Ansgar Dondelinger (Kreisverwaltung): nichts zu machen.

Schon gar nicht mit der Motorsäge: Saatkrähen sind besonders geschützt. Und wenn eine Art unter besonderem Schutz stehe, sagt Peter Wind im Gespräch mit dem TV, „ob das Tier Wolf heißt oder Saatkrähe oder Biber, müssen Individualinteressen hintanstehen. An der Krähenkolonie machst du nichts. Die sind geschützt, und du darfst die Brut- und Lebensstätten nicht beeinträchtigen.“

Man darf sie allenfalls „vergrämen“, also in irgendeiner Weise so lange belästigen, bis sie dauerhaft das Weite suchen. Dazu jedoch bedarf es einer Ausnahmegenehmigung, die nur von der Oberen Naturschutzbehörde, der Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord in Koblenz, erteilt werden kann. Allerdings war der dort zuständige Fachmann bislang nicht zu erreichen, weder von der Stadtbürgermeisterin noch vom TV.

Die Krähen an Bahnhofstraße und Kreuzerweg sind nicht neu: Es handelt sich nach Auskunft der Kreisverwaltung wahrscheinlich um einen Ableger der bereits seit mehr als 50 Jahren bestehenden Kolonie südlich der Prüm, über dem Ausstellungsgelände und hinauf in Richtung Rommersheimer Held.

Diese Kolonie wurde vor 35 Jahren bereits als Naturdenkmal ausgewiesen, sie ist eine der größten in Rheinland-Pfalz mit zeitweise bis zu 500 Horsten. Die Größe des aktuellen Bestands sei nicht bekannt.

Der Stress mit den Krähen und die Gründung neuer Unterkolonien sind auch in anderen Städten und Regionen des gesamten Landes – und der Eifel – ein Problem, unter anderem berichtete der TV zuletzt über einen solchen Fall in Bitburg.

Das Thema beschäftigt deswegen auch die Landespolitik: Im Mai des vergangenen Jahres antwortete Umweltministerin Ulrike Höfken (Bündnis 90/Die Grünen) auf eine Kleine Anfrage der CDU-Abgeordneten Christine Schneider: „Dreck, Lärm und Beschädigungen“ der Saatkrähen, schrieb die Abgeordnete, „strapazieren die Nerven der Bürger seit Jahren.“ Die Tiere seien aber eben geschützt, Christine Schneider fragte deshalb unter anderem, wo die Landesregierung da überhaupt „Handlungsspielraum“ sehe.

Die Ministerin geht in ihrer Antwort auch auf die Frage ein, warum die Krähen überhaupt unter Schutz stehen: Weil ihre Bestände in den 50er Jahren erheblich zurückgingen, da die Tiere damals intensiv gejagt wurden.

Inzwischen habe sich die Population wieder erholt und sei auf dem gleichen Stand wie vor der Bejagung.

Auch wenn „ein grundsätzlcher Handlungsbedarf“ nicht gesehen werde, könne die SGD Nord in Koblenz eine Ausnahmegenehmigung erteilen, mit der man dann versuchen könne, die Saatkrähen loszuwerden – etwa, indem man „Astkappungen“ vornehme.

Allerdings weist Ulrike Höfken auch darauf hin, „dass sich Schmutz und Lärm auf die Brutzeit von März bis Juni beschränken und Eingriffe an den Kolonien zu Umsiedlungen und potenziell zur Aufspaltung von Kolonien führen, was die Problematik in aller Regel verschärfen kann“.

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