Kriminalpsychologen Markus Matthias Thielge: Was treibt den Eifeler Reh-Mörder an?

Kostenpflichtiger Inhalt: Hintergrund : Was treibt den Eifeler Reh-Mörder an?

Drei tote, malträtierte Rehe wurden innerhalb einer Woche im Bitburger Land gefunden. Die Frage, die sich nach den Funden stellt: „Wer tut so etwas?“ Kriminalpsychologe: „Weil die Tat sehr grausam ist, könnte sie das Werk eines Sadisten sein.“

Rund eine Woche ist seit dem rätselhaften Fund eines toten Rehs in Sülm vergangen. Ein Jäger hatte den Kadaver mit einem Ast im Waidloch und abgeschnittenen Ohren auf einem Feldweg entdeckt. Kurz darauf wurden zwei weitere Tierkörper bei Idenheim und Welschbillig geborgen. Beiden Rehen fehlten die Augäpfel.

Die Polizei ermittelt und hält es inzwischen für denkbar, dass es sich bei der schaurigen Serie um „geplante Taten“ eines „psychisch kranken“ Menschen handelt. Doch was heißt das eigentlich: „psychisch krank“? Was treibt eine Person zur Tierquälerei? Und was ist dran am Sprichwort: „Erst die Tiere und dann die Menschen“? Diese Fragen versucht der TV im Gespräch mit Psychologierat Dr. Markus Thielgen zu erörtern.

Thielgen Markus. Foto: TV/Polizei

Thielgen unterrichtet unter anderem Kommunikation und Vernehmungspsychologie an der Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz im Fachbereich Sozialwissenschaften. Aber auch die Eifel ist ihm nicht unbekannt. Stammt der Wissenschaftler doch selbst aus Bitburg.

Herr Thielgen, Sie kommen aus der Eifel. Ist Ihnen ein solcher Fall jemals untergekommen?

Thielgen: Gehört habe ich von solchen Fällen schon. Bundesweit und auch international kommen derartige Fälle immer wieder vor. Für die Eifel ist dieses Maß an Grausamkeit aber sicherlich eine Ausnahme. Mir sind zumindest keine vergleichbaren Vorfälle aus der Gegend in Erinnerung.

Was kann einen Menschen zur Tierquälerei treiben.

Thielgen: Tierquälerei ist ein weites Feld. Das fängt bei der Vernachlässigung des Haustiers an. Da ist es vielleicht Überforderung oder Stress. Wer den verhassten Nachbarshund vergiftet, handelt aus Rache oder Wut. Manchmal kann es auch eine makabere Mutprobe unter Jugendlichen sein, ein Tier zu töten oder zu foltern.

Und im konkreten Fall der toten Rehe, was käme da als Motiv infrage?

Thielgen: Von außen betrachtet, kann ich darüber nur spekulieren. Weil die Tat sehr grausam ist, könnte sie das Werk eines Sadisten sein. Also eines Täters, der Spaß daran hat, einem Lebewesen Schmerzen zuzufügen. Vielleicht genießt er es auch, die Menschen in der Eifel in Angst und Schrecken zu versetzen.

Dafür spräche, dass er die Rehe offenbar bewusst an gut sichtbaren Stellen drapiert hat.

Thielgen: Ja, vielleicht will er Aufmerksamkeit. Der Täter könnte um die Wirkung seiner Taten auf die Bevölkerung wissen.

Deutet der Ast im Waidloch nicht auf ein sexuelles Motiv hin?

Thielgen: Diese Tat könnte Ausdruck einer sexuellen Störung sein, die ihn dazu bringt, diese Taten zu begehen. Auszuschließen ist aber auch nicht, dass die Person im Wahn handelt. Vielleicht folgt er einer psychotischen Eingebung. Die Tierquälerei kann aber auch ganz andere Ursachen haben, wie etwa Langeweile. Von außen betrachtet kann ich mich nicht festlegen.

Wofür könnten die abgeschnittenen Ohre und herausgeschnittenen Augäpfel stehen?

Thielgen: Das ist ein konkretes Verhalten, eine Symbolik, die vielleicht mit seiner Biografie zusammenhängt. Ebensogut ist es aber möglich, dass er an den Tieren verschiedene Dinge ausprobiert.

Stichwort: ausprobieren. Könnte es sein, dass der Täter nur an Tieren übt, und mit Menschen weitermachen will? Oder gibt es da gar keinen Zusammenhang?

Thielgen: Wenn man sich Gewaltverbrecher anschaut, so gibt es eine Reihe von Tätern, die zunächst in ihrer Kindheit Tiere gequält haben, um dann Jahre später eine kriminelle Karriere einzuschlagen. Umgekehrt wird aber sicherlich nicht jeder Tierquäler zum Gewaltverbrecher.

Seit den 1960er-Jahren erforschen Kriminalpsychologen den Zusammenhang zwischen der Trias von Bettnässen, Tierquälerei und Brandstiftung und der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen. Doch trotz jahrzehntelanger Forschung wissen wir noch zu wenig, um eine Kausalität zu belegen.

Wenn ein Kind Tiere quält, muss man dem nachgehen. Das heißt aber nicht, dass es später irgendwann straffällig wird.

Wovon hängt das ab?

Thielgen: Selbst, wenn jemand an einer Störung leidet. So gibt es meist äußere Faktoren, die Anlass geben, eine Tat zu begehen. Etwas, das dem Menschen Stress bereitet und ihn in diese Lage bringt.

Was würden Sie der Polizei Bitburg raten? Wie sollten sie bei den Ermittlungen vorgehen?

Thielgen: Von außen betrachtet, kann ich nur sagen: Die Kolleginnen und Kollegen werden die Faktenlage genau betrachten und dann Schritt für Schritt und nach System vorgehen, um den oder die Täter zu überführen.

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