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Kulturstätte erinnert an Steinhauer-Gewerbe in Neidenbach

Geschichte : Kulturstätte soll an Steinhauer erinnern

Jeder Dritte Neidenbacher hat früher im Steinhauergewerbe gearbeitet. Ein Platz zum Verweilen mit Infotafeln soll an die Zeit erinnern, als Kartoffelschnaps als Mittel gegen Staublungen galt.

Wer durch Neidenbach und manch andere Dörfer in der Eifel fährt, entdeckt die Spuren eines Gewerbes, das fast verschwunden ist. Zwischen Neubauten finden sich vereinzelt alte Steinhauerhäuser und in einigen Gärten und an einigen Plätzen sind Schleifsteine als historische Dekoration aufgestellt. Wer die massiven Räder sieht, kann sich ausmalen, was für ein enormer Aufwand und welche körperlichen Anstrengungen mit der Arbeit verbunden waren.

Ein Drittel  der Bevölkerung Neidenbachs, also mehr als 300 Personen, arbeitete in der Blütezeit des Gewerbes Anfang des 20. Jahrhunderts in den Steinkaulen. Inzwischen pendeln die meisten Dorfbewohner zu Arbeitgebern im Umland. Die zahlreichen Steinbrüche rund um den Ort – ein Forschungsbeitrag des Bonner volkskundlichen Seminars aus den 1970er Jahren spricht von über 50 – sind stillgelegt worden und der riesige Wirtschaftszweig ist Vergangenheit. Vergessen haben die Neidenbacher die Geschichte des Steinhauergewerbes jedoch nicht. Wo im Pommerichen Weg nahe der Pfarrkirche St. Peter einmal eine alte Scheune stand und langsam verfiel, haben sie Freiraum für eine Kulturstätte mit Infotafeln zu dem Handwerk und seiner Historie geschaffen.

Ohne die Arbeit von Ehrenamtlichen, wäre das Projekt nicht zu realisieren. Foto: Monika Bach

Die Idee ist nicht ganz neu. „Schon vor zig Jahren wollten wir einen Dorfplatz schaffen, aber in Folge eines defizitären Haushalts wurde daraus vorerst nichts“, erzählt Monika Bach, Vorsitzende des Dorf-Fördervereins, der am Bau maßgeblich beteiligt ist. Im Anschluss an eine Ortsbegehung beim Dorfwettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ ist das Projekt wieder in den Fokus gerückt. „Errichten Sie hier doch eine Kulturstätte“, habe ein Jury-Mitglied vorgeschlagen. Und so kam es. Im Frühjahr haben die Arbeiten begonnen. Zunächst wurde der Boden begradigt, ein kleiner Parkplatz geschaffen. Außerdem errichteten Ehrenamtliche eine Sandsteinmauer mit Abdeckung. Insgesamt 3000 Euro wurden bislang in das Projekt investiert, wobei die Neidenbacher finanzielle Unterstützung von innogy, der Kulturstiftung und der Sparkassenstiftung Bitburg-Prüm erhalten haben.

Diese alte Scheune stand früher an der Stelle der geplanten Kulturstätte. Foto: Monika Bach

In den nächsten Monaten soll der Platz fertiggestellt werden. Doch bis es soweit ist, sind noch viele Arbeitsstunden nötig, denn der Hang oberhalb des Mauerwerks muss gesichert werden und das Gelände soll durch Büsche und Bäume aufgehübscht werden. „Wir möchten außerdem zusätzlich zu einer Infotafel alte Werkzeuge und vielleicht einen Schleifstein ausstellen“, sagt Bach. Wenn die Arbeiten voraussichtlich im Frühjahr abgeschlossen sind, soll die Kulturstätte nicht nur zum Verweilen einladen: „Vielleicht kann man den Platz später einmal nutzen, um hier Feste zu feiern.“

Die Schleifsteine werden verladen. Foto: Archiv/Archiv/Dorfförderverein-Neidenbach

Rauschende Partys gab es in Neidenbach sicherlich auch in der Ära des Schleifsteinhauergewerbes, denn die Handwerkler galten als äußerst trinkfreudig. Während der Arbeit und nach Feierabend vergnügten sie sich mit selbstgebranntem Kartoffelschnaps. Denn der sollte ein Heilmittel gegen die Gebrechen sein, die die harte Arbeit mit dem Gestein mit sich brachte. Bach klärt auf: „Es war die irrige Annahme verbreitet, dass Schnaps der Staublunge vorbeugt oder sie lindert.“

Die Schleifsteine wurden zunächst aus den Felsen herausgeschrotet. Foto: Archiv/Archiv/Dorfförderverein-Neidenbach

In dem wissenschaftlichen Bericht des Bonner Seminars werden die Auswirkungen der Industrie auf die Gesundheit der Einwohner thematisiert: „Unter den älteren männlichen Einwohnern fällt die verhältnismäßig große Anzahl von Invaliden auf“, heißt es in der Publikation. „Sie leiden an Silikose (Staublunge) oder an Rheuma in den Beinen, das sich vor allem die Schroter beim Ausschroten der Schleifsteine zuzogen, wenn sie tagelang bis zum Oberschenkel im Schrotgraben stehen mußten.“

Das Werkeln in den Steinbrüchen war zwar beschwerlich, sicherte aber auch den Lebensunterhalt, wie Bach erzählt: „In dem Gewerbe bekamen die Menschen oft einen besseren Lohn als in der Landwirtschaft und konnten so ihre Familien ernähren.“ Auch der Großvater ihres Mannes arbeitete in der Neidenbacher Schleifsteinindustrie. Regelmäßig sei er zu Verhandlungen nach Solingen oder Remscheid gefahren. Denn hier waren auch damals schon Klingenhersteller ansässig, die die Schleifsteine aus der Eifel abnahmen.

„Er hat gefragt, was in den Betrieben gebraucht wird, verhandelt, und ist mit Aufträgen nach Neidenbach zurückgekehrt.“ Die wurden nach seiner Ankunft direkt aufgenommen und bearbeitet. War ein Schleifstein fertig, wuchtete man ihn auf einen Wagen und transportierte ihn mit Pferden bis zum nächstgelegenen Bahnhof.

Dank der Eisenbahnstrecke, die seit den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts Trier und Köln verband und durch die Eifel führte, war der Transport leichter geworden.

Die Arbeit in den Steinbrüchen blieb dennoch ein hartes Brot.