Kunst zwischen Vision und Physik
Landscheid-Niederkail · Sie ist wissensdurstig, arbeitswütig und auch noch mit 75 Jahren voller Experimentierfreude und Lust auf Neues. Die surrealistische Malerin Ursula Hülsewig aus Landscheid war über 70, als sie für ihren künstlerischen Ausdruck die Computergrafik entdeckte. In 50 Jahren hat sich ihr Werk immer wieder erneuert. Ihrem Stil ist sie dabei unverkennbar treu geblieben.
Landscheid-Niederkail. Am Waldrand von Niederkail steht im Hang das Haus der Malerin Ursula Hülsewig. Die 75-Jährige lebt dort mit ihrem Mann und widmet sich in der ländlichen Abgeschiedenheit am liebsten ganz und gar der Kunst. Nur der Familie, das sind die fünf Kinder der Patchworkfamilie und die sechs Enkel, gibt sie gerne etwas von ihrer Zeit ab.
Das Terrain, das sie für ihre Arbeit beansprucht, hat in den Jahren vom Atelier ausgehend klammheimlich immer mehr Raum dazugewonnen. Die Wände in Fluren und Zimmern sind bedeckt von ihren Gemälden in Öl, Tiefdrucken und Computergrafiken. Der Flügel im Wintergarten verschwindet unter Bilder-Mappen, weitere sind auf einem Tisch ausgebreitet, ein zweiter Tisch steht dort eigens zum Rahmen von Bildern. Im Atelier dominiert eine Druckpresse für ihre Radierungen den Raum, im Büro sind es Computer, Bildschirm, Scanner und ein riesen- großer Drucker. Vor drei Jahren hat die Künstlerin das Arbeitszimmer mit modernster Technik ausgestattet, um etwas Neues auszuprobieren: Computergrafik. Dabei fertigt sie Collagen aus ihren Bildern an, die sie seit den 60er Jahren in verschiedensten Techniken hergestellt hat. Sie scannt Ölgemälde, Zeichnungen und Radierungen ein und setzt sie am Bildschirm neu zusammen. Um den Umgang mit dem Mac und der Bildbearbeitungssoftware Photoshop zu lernen, hatte sie zwei Jahre lang einen Lehrer. Keine Frage, dass sie eine große Künstlerin am Computer geworden ist. "Er bietet fantastische neue Möglichkeiten, die mich faszinieren", schwärmt Hülsewig. Sie schätzt die Eigenschaft des beharrlichen Strebens und ist gerne bereit, sich anzustrengen, um ein Ziel zu erreichen. Hülsewig ist offen für Neues und liebt die Vielfalt in der Welt. Der Mensch und die moderne Wissenschaft sind die Quellen ihres Schaffens. Begierig liest sie Wissenschaftsmagazine aus den Bereichen Physik und Chemie, was deutliche Spuren in ihren Bildern hinterlässt, in denen sie Zeichen aus der Nanowelt der kleinsten Teilchen (ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter) und des Makrokosmos mit der menschlichen Welt verbindet. Wie in der Reihe "Seinsformen", an der sie derzeit arbeitet. Darin verknüpft sie durch digitale Collagen Radierungen von Köpfen mit Darstellungen von Molekülen, Wellen oder Erscheinungen des Weltalls. Hinter allem steckt die Frage: Was ist das Sein?
Ein Thema aus den frühen Jahren zieht sich durch ihr Schaffen: die Sinnesorgane. Hülsewig erfand 1974 das "sehende Ohr", bis heute malt sie Augen. Dennoch hat sich ihre Kunst verändert. In den siebzigern malte sie fast nur kopflose Figuren, hauptsächlich in Öl, heute dagegen begeistert sie sich fast nur noch für Köpfe. 1978 begann sie mit Radierungen, es entstand eine Serie über das Sehen. In den 90er Jahren rückte die Darstellung von Situationen und Gefühlen in den Vordergrund, die Bilder wurden reduzierter. Typisch für ihren Stil bleibt, Visionen aus dem Unbewussten im Sinn der Surrealisten mit Bildern der realen Welt zu mischen.
Ursula Hülsewigs Antriebskraft ist ungebrochen: Sechs Stunden verbringt sie täglich mit der künstlerischen Arbeit. Kunst ist für sie gleichbedeutend mit Glück. "Ich gehe vollständig darin auf und denke an nichts anderes", beschreibt sie ihren Zustand, wenn sie arbeitet. Was sie noch erreichen will, ist viel: "Ich will in Zukunft weiter ausloten, was der Digitaldruck möglich macht, und am liebsten noch alle Druck-Auflagen handsignieren, nicht abgeschlossene Arbeiten fertig machen und neue großformatige Ölbilder malen."
Jungen Künstlern rät sie, "keine Angst zu haben, etwas Neues auszuprobieren, auch wenn es nicht direkt ein Ergebnis bringt". Sie jedenfalls ist lange nicht müde zu experimentieren.Extra
Ursula Hülsewig wurde 1936 in Gelsenkirchen geboren. Sie studierte in Köln und Saarbrücken Kunstgeschichte, Germanistik, Geschichte und Philosophie auf Lehramt. Als Mutter von zwei Kindern und um die Einsicht reicher, der Lehrberuf sei nicht das Richtige für sie, eröffnete sie 1963 ein Atelier in Köln und widmete sich fortan ganz der Kunst. 1980 zog sie von Köln in die Eifel. Die Liste ihrer Ausstellungsorte reicht von Deutschland, Belgien, Frankreich, Spanien, England, Finnland und Slowenien bis in die USA. Seit 1982 unterrichtet sie für die Volkshochschule in Bitburg. Der nächste Malkurs startet am 10. November. Kontakt und nähere Informationen: Ursula Hülsewig, Wiesental 5, 54526 Landscheid, Telefon 06575/8330; www.ursula-huelsewig.desys