Kyllburg wird zum Forschungsobjekt: Leibniz-Institut für Raumentwicklung nimmt Stadt für drei Jahre unter die Lupe
Kyllburg · Wie entwickeln sich Gemeinden im ländlichen Raum? Wie denken und leben die Menschen? Wie gehen sie mit Innovationen um? Wie kann ihre Zukunft aussehen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das auf mehrere Jahre angelegte neue Forschungsprogramm des Leibniz-Instituts für Raumentwicklung aus Erkner bei Berlin. Sechs Orte in Deutschland werden untersucht - einer davon ist Kyllburg.
Kyllburg. Würde man sagen: "Es ist ein dicker Fisch, den die Stadt Kyllburg da an Land gezogen hat", so wäre es falsch. Denn Kyllburg hat weder aktiv geangelt, noch irgendwelche Netze ausgelegt - im Gegenteil: Das Leibniz-Institut für Raumentwicklung hat für sein Forschungsprogramm "Innovationen in Landgemeinden - Bedingungen, Akteure und Prozesse kreativer Gemeindeentwicklung" neben fünf anderen Gemeinden ganz gezielt Kyllburg herausgefischt aus dem Meer unzähliger Orte in ganz Deutschland.Lokale Identität
"Seit Anfang des Jahres haben wir systematisch Gemeinden unter den gleichen Parametern verglichen: periphere Lage, Bruttoinlandsprodukt Arbeitslosenzahl und andere", berichtet die Leiterin des Forschungsprogramms, Professorin Gabriela Christmann. Ausschlaggebend für Kyllburg seien der Sieg beim Wettbewerb "Kerniges Dorf 2013" und erkennbare innovative Prozesse gewesen.
Vier erfahrene Wissenschaftler werden Kyllburg ab August genauer unter die Lupe nehmen. "Zu unserem interdisziplinären Team, dem Markenzeichen aller Leibniz-Institute, gehören ein Geograph, ein Soziologe, ein Politik- und ein Kulturwissenschaftler. Dazu wird eine Doktorandin der europäischen Ethnologie mitarbeiten." Hauptansatz der Untersuchung wird die Ethnographie sein; das bedeutet: teilnehmende Beobachtung. Mitarbeiter Thorsten Heimann wird ab August bis Ende 2018 wochenweise in Kyllburg sein, Veranstaltungen besuchen und mit den Bürgern ins Gespräch kommen. "Das können geplante, aber auch ungeplante Interviews sein", beschreibt Christmann dessen Aufgabe. "Er wird dabei nicht inkognito unterwegs sein, sondern sich zu erkennen geben." Dabei wird auch die lokale Identität der Kyllburger beobachtet. Die Projektleiterin ist überzeugt: "Man kann die Leute nicht verstehen, wenn man nicht weiß, woran sie ihr Herz hängen." Darüber hinaus werden die Wissenschaftler Dokumente, Imagebroschüren und Presseartikel über Kyllburg analysieren, das Verhältnis der Alteingesessenen zu den Hinzugezogenen betrachten und untersuchen, wie bestehende Netzwerke, Initiativen und Vereine miteinander umgehen.
Seine erste Reaktion auf die Nachricht, dass Kyllburg wissenschaftlich untersucht werden soll, beschreibt Stadtbürgermeister Krämer als vorsichtig. "Ich habe zunächst einen Rückruf vereinbart und dann erst mal recherchiert", erzählt er im Gespräch mit dem TV. "Dann aber habe ich mich gefreut. Vielleicht können wir direkt auf Entwicklungen reagieren", meint er. "Zudem steigert es den Bekanntheitsgrad der Stadt."
"Eine konkrete Handlungsempfehlung für Kyllburg wird es am Ende der Untersuchung nicht geben", betont Christmann. "Beim Vergleich der sechs ausgewählten Orte wollen wir lernen, wie es Gemeinden, die eigentlich in einer aussichtslosen Situation sind, gelingt, sich über innovative Ideen neu zu erfinden und eine neue Lebensgrundlage zu schaffen. Daraus können später Hilfestellungen für ähnliche Gemeinden entwickelt werden." Ist Kyllburg denn dann nur Versuchskaninchen? Ohne einen Vorteil aus dieser Untersuchung? Das verneint die Projektleiterin. "Die Analyse der sozialen Prozesse ähnelt einer Gesprächstherapie." Durch die Augen eines professionellen Dritten werde das eigene Handeln gespiegelt, Schwächen und Stärken seien klarer zu erkennen. Daraus könne man lernen. "Für die Gemeinden fällt Reflexionswissen an, das in praktisches Handlungswissen für die Zukunft umgemünzt werden kann."