Umwelt : Längst nicht geklärt

Eine Eifeler Firma reinigt seit Jahren Klärschlamm von Schadstoffen wie PFT. Keine leichte Aufgabe, denn die Zusammensetzung perfluorierter Tenside ändert sich ständig. Nun arbeitet das Unternehmen an einem neuen Verfahren, denn das alte greift nicht mehr.

Wolfgang Francois ist kein Chemiker. Von Haus aus sei er Betriebswirt, sagt der Chef der Rittersdorfer Firma, die seinen Nachnamen trägt. Doch als Leiter eines Unternehmens, das Schadstoffe wie sie rund um die Orte der Air Base Spangdahlem verbreitet sind, entsorgt, braucht es Grundwissen. Und eine bestimmte Gruppe von Schadstoffen verfolge Francois seit gut zehn Jahren: „PFC.“ Die drei Buchstaben stehen für Perfluorierte Chemikalien. Wissenschaftler kennen etwa 800 dieser Stoffe, die die Industrie verschiedentlich nutzt. Denn sie haben attraktive Eigenschaften: Sie sind wasser-, schmutz- und fettabweisend und eignen sich daher als Beschichtung für Kleidung, Geschirr und Papier. Seit Jahrzehnten kommen sie außerdem in den Löschschäumen von Feuerwehren zum Einsatz.

Doch die Eigenschaften der Tenside haben Kehrseiten. Da an den Verbindungen alles abperlt, sind sie schwer aus der Umwelt zu bekommen. Und manche der Tenside – wie sie im Fachjargon heißen – sind krebserregend. Einige hat die Europäische Union  2006 daher per Verordnung aus dem Markt verbannt. Andere kommen aber nach wie vor zum Einsatz, wie Francois weiß. Die Verordnung habe daher wenig bewirkt, findet der Rittersdorfer Geschäftsführer. Es ist kniffliger geworden, die Substanzen loszuwerden.

Genau das ist aber eine der Kompetenzen der Rittersdorfer Firma. Das Unternehmen Francois sei derzeit das einzige in der Region, das von Werken beauftragt wird, um PFT-belasteten Klärschlamm zu entsorgen. Gerade rund um den Bitburger Flugplatz und im Wittlicher Land ist die Suppe, die sich bei der Reinigung von Abwasser bildet, erheblich verunreinigt (der TV berichtete). Das liegt auch an der Nähe zur  Air Base Spangdahlem und dem ehemaligen Stützpunkt in der Bierstadt. Denn hier versprühten amerikanische Feuerwehren bei Übungen und Großeinsätzen jahrelang belasteten Schaum, der sich durch Kanäle im Umland verteilt. Ähnlich sieht es rund um den Eifeler Nato-Flugplatz Büchel aus.

Aber nicht nur die Amerikaner haben den Schaum und damit die Tenside in die Umwelt gebracht. Auch deutsche Feuerwehren greifen nach wie vor auf Löschmittel zurück, das PFT enthält. Denn die sind nach wie vor effektiver.  Doch die Zusammensetzung der Stoffe hat sich geändert.

Durch die EU-Verordnung, sagt Francois, habe man „den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben“. In alten Löschschäumen waren nämlich vor allem langkettige Tenside enthalten. Diese Stoffe sind aus acht bis zehn Kohlenstoffen zusammengesetzt. Diese fielen aber zunehmend in Ungnade, wegen ihrer Gesundheitsschädlichkeit. Heute würden dagegen kurzkettige PFCs verwendet, sagt Francois, die aus drei bis maximal sechs Verbindungen bestehen. Aber auch diese Chemikalien wurden von Wissenschaftlern als giftig eingestuft. Ihre Verwendung ist zwar erlaubt, sie sollten sich nach Ansicht von Umweltbehörden dennoch nicht im Klärschlamm anreichern. Francois’ Fachleute müssen sie also irgendwie raus bekommen. Und das sei wesentlich schwieriger als zuvor.

Dazu muss man verstehen, wie so eine Reinigung abläuft. Heute werden Tonnen von stark belastetem Klärschlamm entsorgt, während das Material früher als Dünger auf Felder ausgebracht wurde. Die halbflüssige Masse muss allerdings entwässert werden, bevor man sie verbrennen kann. Bei diesem Prozess wandern die Tenside mit dem Wasser ab. So weit so gut.

Doch die Flüssigkeit muss ja wieder zurück ins System. Man kann die belastete Brühe ja schlecht in die Landschaft kippen. Also müssen die Rittersdorfer das PFT aus dem Wasser isolieren. Hier kamen bislang Aktivkohlefilter ins Spiel. An denen blieben langkettige Tenside hängen und das Wasser war wieder sauber und konnte zurück in die Kläranlage. Erfolgsquote laut Francois: „Deutlich über 90 Prozent.“

Doch diese Zeiten seien vorbei seit vermehrt kurzkettige Tenside eingesetzt würden. Denn die hafteten zwar an der Kohle, würden aber durch langkettige Stoffen vom Filter verdrängt. Sodass nach der Reinigung nicht mit Sicherheit gesagt werden könne, wie viele der belasteten Stoffe man aus dem Abwasser bekommen habe. „Das ist dann mehr oder weniger Zufall“, sagt Francois.

Damit sich seine Firma auf diesen nicht verlassen muss, wird das Wasser mehrmals gefiltert. So ist die Chance zwar höher, mehr Tenside aus der Pampe zu fischen. Optimal sei das Verfahren allerdings nicht. Und das nicht nur deshalb, weil es aufwändiger und teurer für die Werke ist.  „Auf kurz oder lang“, sagt Francois, „muss man ein neues entwickeln.“ Im Klartext heißt das: Klärschlamm zweifelsfrei von PFT zu befreien, ist derzeit nicht möglich.

Gut, dass die Rittersdorfer an einem neuen Prozess arbeiten. Den hat der Chef uns Laien einmal simpel erklärt: „Das Wasser kommt in ein Becken. Da geben wir ein Pülverchen rein, an das sich die Tenside binden. Danach werden die Bestandteile voneinander getrennt.“ So einfach ist es dann aber doch nicht. Derzeit sei das Verfahren in der Testphase, werde also noch nicht in Kläranlagen angewandt, sagt Francois: „Im Labor funktioniert es und wir sind zuversichtlich, dass wir es bis Herbst zum Laufen kriegen.“

So viel zum Abwasser. Aber wie sieht es mit dem Grundwasser aus? Die Tenside haben sich ja längst in Flüssen angereichert. Sogar im Beilinger Brunnen, Verbandsgemeinde Speicher, wurden Tenside nachgewiesen (der TV berichtete). „Man hat uns angesprochen, ob wir Umweltschäden sanieren können“, sagt Francois. Aber was in Kläranlagen funktioniere, gelte noch lange nicht für Gewässer, meint der Chef.

 Firmen wie der Rittersdorfer Entsorgungsbetrieb Francois stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen das PFT aus dem Abwassersystem bekommen.
Firmen wie der Rittersdorfer Entsorgungsbetrieb Francois stehen vor einer schwierigen Aufgabe: Sie müssen das PFT aus dem Abwassersystem bekommen. Foto: TV/Christian Altmayer
 Unappetitlich: In Kläranlagen, wie hier im Kailbachtal, bildet sich Schlamm. Und der muss mancherorts von Schadstoffen befreit werden. Die Südeifel ist hiervon durch die Nähe zur Air Base Spangdahlem stark betroffen.
Unappetitlich: In Kläranlagen, wie hier im Kailbachtal, bildet sich Schlamm. Und der muss mancherorts von Schadstoffen befreit werden. Die Südeifel ist hiervon durch die Nähe zur Air Base Spangdahlem stark betroffen. Foto: Klaus Kimmling/klaus kimmling

Um das Filtrieren von PFT aus dem Trinkwasser kümmern sich erstmal andere, zum Beispiel die Arzfelder Firma Zahnen. „Wir wollen die Stoffe rausbekommen, bevor sie in der Kläranlage landen“, sagt der technische Leiter Benedikt Ney. Als Partner des wissenschaftlichen Projekts „Wasser 3.0“ arbeitet das Unternehmen mit sogenannten „Hybridkieselgelen“ (der TV berichtete). Das sind kleine Kügelchen, die in belastetes Wasser gegeben werden. Sie binden Schadstoffe, die dann zur Oberfläche steigen und abgeschöpft werden können. „Das könnte auch mit Tensiden klappen“, meint Ney. Daran arbeiteten derzeit Studenten des Forschungsprojektes „RE-Fluor-X“.  Eine technische Umsetzung gebe es allerdings noch nicht. In Arzfeld konzentriere man sich derweil auf das Filtrieren von Mikroplastiken und Pharmazeutika.